24. April 2016

Sind ElternbloggerInnen politisch relevant? Ein Vortrag in Worten

Die gesellschaftliche Relevanz der ElternbloggerInnen in Deutschland



ElternbloggerInnen sind gesellschaftlich, sowie politisch relevant. Mehr als 1800 (derzeit bei Brigitte Mom) gelistete BloggerInnen aus dem Genre FamilienbloggerInnen zeigen seit mehr als 10 Jahren Alltag in Deutschland und äußern sich u.a. zu familienpolitischen Themen.  Da diese Zahl eine enorme Wortgewalt und Reichweite in Deutschland ausmacht, sollten man sich einmal näher anschauen wer in Deutschland überhaupt bloggt und worüber:


Im Rahmen der #Blogfamilia Umfrage 2015 wurde ermittelt, dass 83% der ElternbloggerInnen aus ihrem Alltag berichten. Diese Alltagsberichte sind privat, jedoch damit auch immer politisch. Nur 23% der befragten ElternbloggerInnen verstehen sich als Ratgeberblog und sind oftmals gekoppelt an pädagogische Konzepte.

Das Elternbloggen an sich kann längst nicht mehr nur als Trend angesehen werden, so existieren 69% der Blogs bereits länger als ein Jahr und 28% bereits länger als drei Jahre. Während die weichen Themen wie Baby, Schwangerschaft und Ernährung die häufigsten Themen sind, so finden sich jedoch auch immer wieder andere Rahmenthemen die ElternbloggerInnen einen. So gehören die Themen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Alleinerziehende, finanzielle Rahmenbedingungen für Familie und Zukunftsentwürfe für die Kinder zu den Themen die immer wieder aufgegriffen werden und breit durch verschiedene Blogs aufgestellt sind.

Obwohl für 66% der BloggerInnen das Bloggen nur ein Hobby ist, so werden durch die Verarbeitung von Alltagsgeschichten immer wieder politische Denkanstöße hereingetragen und dieses Bloggen stört sich nicht an der Tatsache, dass 44% der BloggerInnen mit ihrem Blog auch Geld verdienen wollen.

Ein gutes Beispiel für die Verteilung der ElternbloggerInnen und teils auch regionale politische Themen, oder die Verbreitung von Initiativen kann man auf der Karte von @familiert erkennen. In Ballungszentren wie Berlin, Hamburg und München sind die Kästchen sogar so zahlreich, dass man nie alle BloggerInnen entdecken kann. Hier ist auffällig, dass z. Bsp. Initiativen wie „Be an Angel“ in Berlin, oder „Heimatstern“ in München auch regionaler noch stärker durch ElternbloggerInnen unterstützt werden. Die Karte eignet sich also nicht nur für Agenturen, sondern auch als Ansatz für gesellschaftlich-regionale-Themen.
ElternbloggerInnen haben, nach meiner Meinung, wie kein anderes Bloggergenre in Deutschland die Möglichkeit Vielfalt aufzuzeigen. So können sie sich in den Bereichen Erziehung, DIY, Interieur, Mode, Technik usw. tummeln, ohne jemals das komplette Genre der ElternbloggerInnen verlassen zu müssen. Es sind die Themen die nachhallen im Kopf. Ob Lucie Marshall über das Leben mit Flüchtlingen erzählt, oder Berlinfreckles das Thema Krebs bei Kindern aufgreift, die Art und Weise der politischen Äußerungen sind weit gesteckt. (Bsp. Minimenschlein und Oh wunderbar für DKMS, Andrea Harmonika zur Fluchtgeschichte ihrer Familie, Kaiserinnenreich zum Thema Inklusion. Themen die oftmals polarisieren und werden später in der Politik aufgegriffen. Die Themen werden in der Welt der ElternbloggerInnen bereits oftmals diskutiert und wandern dann in den politischen Rahmen. Die Themenvielfalt und das Interesse für die gesellschaftlichen Umstände sind sicherlich oft den Umständen des Interesses am eigenen Nachwuchs geschuldet und können somit aber in einer ganzen Community zur Diskussion gestellt und auch von hunderttausenden Eltern in Deutschland wahrgenommen werden, es sind Themen die nachhallen im Kopf.


Bereits 2012 hat Griffith Consulting die gesellschaftliche Relevanz von ElternbloggerInnen erkannt und bereits eine Handvoll ElternbloggerInnen zum ersten Treffen, in Zusammenarbeit mit Familotel insRookhus eingeladen. Selbst jetzt findet sich zum Thema Elternblogger politisch und relevant immer noch häufig dieses erste Treffen in 2012 im Netz.


Loosysays hat in einem Interview auf dem Blog FruehesVoger'l einmal zu der Frage „Warum sie Elternblogs liest“ einige sehr relevante Punkte genannt. Eltern können auf Elternblogs relevante Werte vermitteln bekommen, die Fragen die hier entstehen sind: „Wie wachsen sie auf, welche Werte werden ihnen vermittelt? Lernen sie frühzeitig, dass alle Menschen gleich viel wert sind, dass es völlig egal ist, welche Hautfarbe, Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität besitzt? Wie werden sie zu verantwortungsvollen, selbstbestimmten, glücklichen Menschen, die dann ihr Leben so führen, dass andere dadurch nicht benachteiligt werden? Wie können wir eine bessere Gesellschaft schaffen, wenn wir nicht ganz früh damit anfangen? Wie macht Ihr das alles und wie kann ich das später vielleicht selbst einmal machen? Eltern suchen Rat im Netz und finden Antworten. Sie vergleichen ihre Lebenssituationen mit denen anderer.“
Auch hier ist das Private somit immer politisch und wirkt sich gesellschaftlich aus, durch die Fragestellungen einzelner Eltern.
Gerade in den letzten 1,5 Jahren hat die ElternbloggerInnen Szene jedoch in Bezug auf politische Themen Fahrtwind aufgenommen. Bekannte Beispiel dafür sind die Debatten zur Hebammenproblematik #Motherhood, die Debatte zu #RegrettingMotherhood, das Bloggen von #Kleinerdrei die durch ihre Vielfalt und ihre Präsenz immer wieder Rollen- und Familienbilder in der Gesellschaft diskutieren, Die #Rosahellblaufalle die in Fragen der gendergerechten Erziehung und Rollenklischees eine starke Rolle einnehmen. Die #Mompreneurs die durch erhöhte Medienaufmerksamkeit auf die Lage von selbstständigen Müttern in Deutschland aufmerksam machen und #BloggerfürFlüchtlinge, dass massiv durch ElternbloggerInnen getragen und geleitet wird.

Die Stimmen der ElternbloggerInnen werden inzwischen gehört, nicht nur aus dem „das Private ist immer politisch“ Punkt heraus, sondern auch durch die Öffnung der Ministerien gegenüber der digitalen Welten. Federführend kann hierfür übrigens das BMFSJF genannt werden, die zum Beispiel nun eine Umfrage zu den Bundesjugendspielen gestartet haben und immer mehr ElternbloggerInnen zu den Themen „Digitale Familien“, „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „Inklusion“ anfragen und einladen. Auch das Projekt Familyunplugged ist hier als positives Beispiel für politische Anregung durch die Darstellung von Alltag zu nennen.

Bereit 2014 begann man erste Kontakte zu den Ministerien und Landesbehörden aufzubauen. Um jedoch noch eine breitere Masse mit dem gesellschaftlichen Engagement und der politischen Relevanz von ElternbloggerInnen zu erreichen, wurde 2015 der Blogfamilia Award gegründet. Dieser Award soll die Sichtbarkeit der einzelnen Projekte und Projektträger in der ElternbloggerInnen Szene nochmals erhöhen. Bis zum 24.4.16 um 24Uhr konnte man hierzu jeweils eine Nominierung einreichen. Die meistgenannten drei Nominierten werden eingeladen und vor Ort der #Blogfamilia wird über die Höhe des Preises für das Projekt entschieden. Dabei gilt es die Idee und das Projekt zu honorieren und zu unterstützen, sowie die Person dahinter auch sichtbar zu machen. Platz 1: 400 EUR plus ein ASUS Transformer Book T100HA; Platz 2: 250 EUR plus ein ASUS ZenWatch 2 WI502Q; Platz 3: 100 EUR plus ein ASUS Smartphone ZenFone Max. Die verteilten Gelder fließen an das Projekt, das dem/r Blogger/In am Herzen liegt um es auch in seiner weiteren Arbeit zu unterstützen.

Um die gesellschaftliche Relevanz von ElternbloggerInnen auch zu zeigen, zu unterstützen und professionalisieren (in allen Bereichen) wurde 2015 die Blogfamilia gegründet. Sie ist die größte ElternbloggerInnen Konferenz in Deutschland und schließt sich direkt an die republica an, um das Wissen des Fachpublikums noch zu erhöhen. Am 5. Mai 2016 werden in Berlin 125 ElternbloggerInnen zur kostenfreien und elternfreundlichen Konferenz erwartet. Auch das BMFSJF wird neben vielen Sponsoren aus der Wirtschaft direkt vor Ort sein und mit den ElternbloggerInnen zusammen lernen und diskutieren.
Die Blogfamilia Konferenz ist jedoch nur ein Baustein. ElternbloggerInnen zu vernetzten und zu unterstützen ist in vielen Bereichen notwendig. So sitzen die VeranstalterInnen von Blogfamilia bereits an einem ElternbloggerInnen Kodex und denken über die Gründung eines Verbandes nach, der die Interessen der BloggerInnen in Lobbyverbänden unterstützen könnten. Hierbei geht es nicht um eine Agenturfunktion, sondern eher das Stärken der Rolle der Eltern und auch der ElternbloggerInnen nach außen. Eine inhaltliche Debatte kann dabei nicht geführt werden, denn gerade durch die Heterogenität der ElternbloggerInnen ist ersichtlich, dass es hierbei eher um strukturelle Unterstützung und Professionalisierung handeln kann.

In den nächsten 24 Monaten werden sich die ElternbloggerInnen, nach meiner Meinung, stark verändern. Die Schere zwischen den BloggerInnen wird bereits jetzt merkbar größer. Blogs die bereits jetzt vor allem als Werbeträger fungieren, werden eine noch größere Wahrnehmung erreichen und sollten sich ihrer Rolle in der Gesellschaft der Eltern bewusst sein. Daher sind eine Vernetzung und ein ständiger Dialog über die Relevanz des Bloggens und die Relevanz der eigenen Worte auf dem eigenen Blog immer aktuell. Dass der Bedarf daran groß ist, spürt man auch am Vernetzungswillen der ElternbloggerInnen. So sind nach Blogfamilia weitere Elternbloggerkonferenzen wie die #denkst, #Wubttika, #RMEB u.a. entstanden.

Am Ende kann nur ein stetiges waches Auge für die Verantwortung der eigenen Worte im eigenen Medium und auch die Sensibilität für die Vorbildfunktion des Bloggenres immer wieder angesprochen und diskutiert werden.
Daher möchte ich euch stärken und zurufen:

Seid mutig, schreibt über Themen die euch bewegen in der Gesellschaft, benennt eure Fragen, euren Unmut und eure Sorgen. Das Forum der Eltern in Deutschland ist groß und stark und das Private ist somit beim Bloggen auch immer politisch.

http://de.slideshare.net/BlogfamiliaKonferenz/ein-vortrag-in-worten-blogfamilia-auf-der-denkst


Alu

Kommentare:

  1. Danke für diesen grandiosen Text! Ich bin noch eine junge Mamabloggerin und habe doch schon den Eindruck etwas dafür belächelt zu werden. Vielleicht muss gerade uns Anfängerinnen noch etwas Selbstbewusstsein wachsen. Wir haben nicht die Reichweite von den ganz großen Blogs dennoch meine ich dass auch wir Kleinen durchaus eine Relevanz haben. Wir alle schreiben über das was uns bewegt, was unseren Familienalltag bewegt und allein daraus bekommen wir unsere Daseinsberechtigung. Und gerade die Vielfalt aus kleinen und großen Bloggern, Stadtmamas, Landeiern, Veganern und Burgerfans macht unsere Genre doch spannend!

    Viele Grüße

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  2. Eine wirkliche interessante Zusammenfassung der inzwischen so zahlreichen "Mama" Blogs. Ich selbst bin über http://www.halbesachen.net meiner Tochter auf dieses Medium aufmerksam geworden und schreibe nun seit drei Monaten einen regionalen Politblog. Dabei habe ich schon Themen aufgegriffen, zu denen ich aus den Mamablogs angeregt wurde (http://ulf-moritz.net/8-maerz-weltfrauentag-jetzt-sind-die-maenner-dran/. Ich freue mich, dass auf diese Weise das Internet endlich das wird, was man schon in den achtziger Jahren beschworen hat: ein demokratische Medium! Viel Erfolg allen Bloggern weiterhin!
    Ulf Moritz

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  3. Spannend. Schade, dass ich den Vortrag nicht "live" erleben konnte, aber danke, dass du ihn hier teilst. LG I.

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