Arbeiterkinder an die Universitäten

Arbeiterkinder gibt es ja, und nicht nur in Berlin, immer weniger. Weswegen die Forderung, mehr Arbeiterkinder müssten an die Unis, ein weltenferner Hauch vergangener Klassenkämpfe umweht. Was natürlich trotzdem richtig ist: Mehr Kinder aus nichtakademischen Familien sollten Abitur machen und studieren. Im Grunde. Ob die Uni allerdings wirklich immer das Ziel sein sollte, darüber habe ich schon oft geschrieben. Sei’s drum: Hier ein neuer Aspekt zum alten Thema, der diese Frage vielleicht bald überflüssig macht.
Es ist nämlich so: Tatsächlich machen mehr Kinder aus nichtakademischen Familien Abitur als früher. Aber studieren tun solche Kinder/junge Erwachsene dann immer seltener. Wie das? Die Antwort: Abitur machen und Studieren stellen keine natürlich Abfolge mehr dar. Das mag Leuten mit meinem gediegenen bildungsbürgerlichen Hintergrund fremd sein. Ich gebe zu: Die Idee kam mir lange wirklich nicht. Dabei erlebte ich es als Schüler in den Achtzigerjahren ja selbst, wie reihenweise die Kinder aus den Dörfern der Oberrheinebene und des Schwarzwaldes zwar als erste in der Familie Abitur machten – aber eben nur, um dann eine Banklehre absolvieren oder die Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt machen zu können. Damals schon zeigte sich, dass das alte bürgerliche (und vom anderen deutschen Staat ja ironischerweise ebenso verbissen propagierte) Junktim von Abitur – Studium – Auskommen und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit schon seit Jahrzehnten nicht mehr gilt.
Und da ist es eine wunderbare Pointe, dass durch das Bologna-Programm nun auch das Studium konsequenterweise zur reinen Berufsausbildung mutiert. Wirklich spannend ist die Frage, ob und in welchen Strukturen dann das alte Humboldt’sche Ideal der zweckfreien Bildung weiterleben wird. Was meinst du, Konstantin?
Jost Burger