Wer war Bersarin?

Hitler und Göring, Honecker und Pieck
hatten sie und verloren sie wieder. Genauso wie zahlreiche
sowjetische Generäle, weitere Nazis und Größen der DDR. Kohl,
Gorbatschow, Reagan und Bush haben sie natürlich bis heute. Biermann
übrigens auch, seit 2007. Nur einer verlor sie und bekam sie wieder:
Nikolai Erastowitsch Bersarin. Und zwar die Ehrenbürgerwürde
Berlins. 

1992 wurden im frisch wieder
zusammengepferchten Berlin die Listen derer verglichen, die sich mit
der Auszeichnung der Ehrenbürgerschaft der ja immer gesamtdeutschen
Hauptstadt schmücken durften (oder mussten). Bis heute sind das
übrigens keine 140 Leute! Wie zu erwarten, schnitten die
Ost-Geehrten nicht gut ab. Wer zahlt, schafft an, wer keen Jeld hat,
verliert: Nach diesem Motto „überlebten“ die meisten der von der
DDR Ausgezeichneten die Befreiung durch den Westen nicht.
Aus der Sicht vieler – und ganz
sicher aus der Sicht derer, die ihre politische Sozialisation (in
manchen Fällen auch die Ausbildung am Parteiinstitut) im Osten
erlebten – nur ein weiteres Beispiel für die „Siegerjustiz“,
unter der Millionen Deutscher nach der Wiedervereinigung erneut
litten. Gab es mit Lucius D. Clay und John Jay McCloy doch einen
General und einen Hochkommissar auf Seiten des Klassenfeindes
der Amerikaner, die bis heute die Ehrenbürgerwürde innehaben. Warum
da bitteschön nicht auch, sagen wir, Nikolai Bersarin, Berlins
Erster Stadtkommandant ab dem 24. April 1945 nach der Einnahme durch
sowjetische Truppen drei Tage zuvor?
Man hat’s halt nicht leicht als
Exfunktionär. Es kann aber doch auch nicht alles schlecht gewesen
sein damals, drüben. Wie gut deshalb, dass Bersarin der Geschichte
(und Dr. Gesine Lötzsch und Konsorten) den Gefallen tat, 1945 schon
nach sechs Wochen im Amt einen tödlichen Abgang in Form eines
Verkehrsunfalls zu machen. So konnte das Berliner Abgeordnetenhaus
2003 nach heftigsten Auseinandersetzungen denn der Wiederverleihung
der Ehrenbürgerwürde an den ehemaligen Stadtkommandanten zustimmen. 
So bleiben nun auf ewig Bersarins Verdienste um den Wiederaufbau der
zerstörten Stadt erinnert. Irre, was der Mann in der kurzen Zeit
alles schaffte: Infrastruktur, freie Religionsausübung, Wahlen, ja
sogar um das kulturelle Leben und ein bisschen weniger Vergewaltigungen soll er sich gekümmert haben. Vermutlich mit derselben Energie, mit der er sich einige Jahre zuvor
der Niederschlagung konterrevolutionärer Bestrebungen in der
Sowjetunion widmete, aber lassen wir das. Fest steht: Bersarin wird
auf immer der gute Russe sein. Er starb, bevor man ihn in schlechte
Erinnerung bekommen konnte …

Die Tram 21

Heute kurvt die TRAM 21 um den
Bersarin-Platz, der von der Ansager-Stimme angeblich falsch
ausgesprochen wird. Den Namen wird das große Rondell so schnell auch
nicht verlieren. Denn Beruhigendes, Versöhnliches: Es hat Bestand
und sorgt für Frieden. Wenn man’s geschickt machte, konnte man
auch im Osten was bewegen. Immerhin, jeder hatte Arbeit. Kuba hat ein
tolles Bildungssystem. Im Osten sind sie in den Naturwissenschaften
immer noch besser. Der Zusammenhalt war viel größer! Das
Menschliche zählte.
Meine Tochter fährt täglich zweimal
mit der Straßenbahn über den Bersarinplatz. Bald wird sie fragen,
wer er gewesen sei. Vielleicht werde ich ihr dann einfach erzählen,
dass da ein Mann war, den viele in guter Erinnerung halten wollen –
um ihr eigenes Leben gutheißen zu können. Und von noch etwas könnte
ich ihr erzählen: Von der Gnade des frühen Ablebens. Die Leute
erinnern sich dann nur noch an dein Lächeln.

Jost Burger