Wer war Lehndorff?

Ich wollte heute, also gestern, ein
kleines Bildlexikon zu den Uniformen des 18. Jahrhunderts vorstellen.
Militärgeschichtliches ist ja zum Glück hierzulande ein allgemein
beliebtes Sujet, zumal: die schönen bunten Bilder! Allein, ich find
es nicht, das Büchlein. Die Kinder werden es verräumt haben.
Herausgeräumt aus meiner so überaus ordentlichen Bibliothek. Es
stand, das Buch, zum Glück neben einem anderen, das ist zwar kein
Nachschlagewerk, trotzdem sehr lehr- und aufschlussreich. Allerdings,
wie das Uniformenbuch, geradezu ozeantief vergriffen. Ich bin aber
sicher, man wird es auftreiben können.
Es handelt sich um Ausschnitte aus den
Tagebüchern des Grafen Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff (1727
bis 1803). Lehndorff war zwischen 1748 und 1775 Kammerherr am Hof
Friedrich des Großen. Er hat das gehasst, aber, wie man es damals so
machte, tapfer seinen Mann gestanden – und ein geheimes Tagebuch
geführt. Und darin berichtet er kühl und spöttisch, distanziert
und zuweilen moralisch empört über das Treiben am Rokokohof.
Als alter Badener war mir Preußen
immer recht wurscht, das geb ich zu, und jene Zeiten auch, über
deren Zeugnisse man hier ständig stolpert. Bis ich Lehndorff gelesen
habe und mir über dieses – tja, sehr persönliche, ganz und gar
inoffizielle Hoflebenjournal die historischen Gestalten lebendig
wurden, die einem sonst als historische Prinzipien auf das
Schülerpult gehauen werden: Der König, seine Feldherren, seine
ungeliebte Frau und die ganzen Prinzen und Prinzessinnen.

Lehndorff ist kein Samuel Pepys

Lehndorff ist natürlich kein Samuel
Pepys, nur ein kleiner Kammerherr, keine öffentliche Figur. Die Tür,
die er in eine so spannende und wichtige Zeit aufstößt – die
großen Kriege! Preuuuußens Aufstieg! – ist genauso groß und weit,
wie sie der berühmte Engländer für seine Zeit öffnete. Kann ich
nur empfehlen.
PS: Die Sache mit Lehndorff ist gut
ausgegangen. Er widmete sich dann später seinem Gut in Masuren und
pflanzte vorwiegend Eichen, die bis heute berühmt sind.
Jost Burger