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Wochenberliner: Die Generation Y

Die Generation Y lahmt

Leute, die eine Kolumne abliefern
müssen (800 bis 5000 Zeichen), denen aber nichts einfällt, greifen
gern zu einem ganz alten Trick: die erfolglose Suche selbst zum Thema
zu machen. Ich persönlich würde mich niemals zu so etwas
herablassen. Andere jedoch sind sich nicht zu schade, erreichte
Zeichenstände zu vermelden (318!),

sinnlose Absätze einzuschieben oder
beziehungsweise auch, naja, womöglich und, irgendwie ganz unheimlich
viele von diesen Füllwortseln zu verwenden. Ich mache das anders.
Ich schreibe ab. Und sage dann, ich präsentierte Fundstücke. Das
hat noch nie vorher einer gemacht. Da ich allerdings heute (und am
Freitag, und am Samstag) vorauseilend verkatert war und bin (die
Gäste, die trinken immer so viel), nur zwei. Oder drei. Fundstücke. 
Zunächst einmal das schönste Fundwort stammt aus einem Leserartikel
in der FAZ, und es lautet „Stand-by-Schmollen“. Es beschreibt den Zustand, in dem sich Eltern schulpflichtiger Kinder befinden.
Sie sind nämlich jederzeit bereit, bei ungerechtem Verhalten ihren
Sprösslingen gegenüber (1 minus, zarter Verweis) ins
Aktiv-Schmollen zu wechseln. Ehrlich gesagt, ich habe den Eindruck,
die meisten Menschen befinden sich in diesem Zustand, Kinder oder
nicht. Man kann so vieles anschmollen, aber vor allem das Leben, das
einem zwingt, zu arbeiten, das manchmal Regenwetter und manchmal
Hitze beschert, einen mit anderen Leuten belästigt und ganz generell
mit böser Absicht alles viel zu schwer macht.
Die aktuelle Ausgabe der ZEIT hätte
ein Tipp werden können, sie lockt nämlich mit einem Aufmacher zu
diversen Unverträglichkeiten (Milch, Weizen, Obst, Lebensfreude). Aber meine Frau sagt, ich solle mir
bitteschön keine Munition für hämische Attacken gegenüber all den
Essenssensitiven holen, auf die Religiösen lächelte ich doch auch
nicht mehr herab, und das habe meinem Blutdruck gut getan. Also
empfehle ich es nicht und lasse die Stand-by-Schmoller in ihrer
zufriedenen Gewissheit, nicht nur die Welt, sondern auch zwei
Quentchen Kälbchenmilch im Latte seien schuld an ihrer inneren
Misere. Aber das Aufmacherfoto ist sehr schön. Oh, eine
Geschäftsidee kam mir: Ein Restorang, auf dessen Markise der
Werbespruch prangt: Gluten in Massen, Kaffee nur mit Kuhmilch, Steaks
für drei fuffzich und der Wirt ist auch zu fett.
Speaking of Geschäftsideen: Die
Generation Y ist auch nicht mehr, was sie mal war, findet Jochen
Stahnke hier
in der FAZ, wo er sich gegen den Begriff als solchen und die
Vereinnahmung „seiner“ Generation wehrt. Passend bebildert
natürlich mit einer Innenansicht vom Oberholz am Rosenthaler Platz …
Keinerlei Links mehr braucht man zur
Diskussion, ob die böse Ritter Sport Nuss zu Recht von der Stiftung
Warentest ein Mangelhaft bekommen hat, wegen falscher Deklarierung
eines Aromastoffes. Fast alle Kommentare drehen sich um die Sache mit
den natürlichen Aromastoffen, viele sind getragen von völliger
Unwissenheit in Sachen basaler Lebensmitelchemie. Was auffällt, ist
das wollüstige verbale Abstrafen einer Firma, der eventuell ein
Fehler unterlaufen ist bei einer, ehrlich gesagt, gesundheitlich
völlig unwichtigen Sache. Aber nein, es geht um’s Prinzip, nämlich
der Reinheit, dessen Bewahrung in Deutschland so gern externalisiert
wird (Institute für Rassehygiene, Stiftung Warentest, Bioläden) –
und jetzt wird Ritter Sport aber so richtig derb abgestraft. Deutsche,
kauft nicht bei Ritter Sport!
Wie schlecht die Welt ist, das könnte
man am Agieren des Bundesumweltministers demonstrieren, dessen
persönlicher CO2-Fußabdruck der zehnfachen Einwohnerschaft eines im
Meer versinkenden polynesischen Atolls entsprechen dürfte. Man
könnte aber auch die traurige Geschichte eines achtjährigen Jungen
beschreiben, der regelmäßig in meiner Umweltsauerei-Karre
mitfährt. Der Bub wohnt in einer schönen großen Altbauwohnung, die
so eine Mischung aus spartanischer Yogamattenästhetik und
Kinderzeichnung ist und irgendwie nach Freiburg riecht, und die
Mutter möchte man immer zum Schokoeis einladen. Der Kleine sitzt
stets todtraurig in Auto und erzählt, wie schlimm das alles ist: Die
Autos machten die Umwelt kaputt, und die Fahrräder auch, weil das
sei alles aus Metall, und die Lacke seien auch giftig, und alles was
der Mensch anfasst, mache er kaputt, und nein, nur weil die Ärzte
seinen Kumpel (meinen Sohn) mit ganz viel Technik aus Eisen und Metall und Schemie
gerettet haben, mache es das noch lange nicht gut, und allerdings
fände er es besser, wenn wir alle wieder wie die Höhlenmenschen lebten.
Mit dieser wahren Geschichte will ich
enden, weil mir bei so was nichts mehr einfällt. Hoffnungsfroh
blicke ich in die Zukunft, denn ich weiß, die Stand-by-Schmoller
ziehen erfolgreich die nächste Generation heran.
Jost Burger

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