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Wochenberliner: Freitach im 2014 den Ersten: Keine guten Vorsätze?

Was sind gute Vorsätze?

Julia wird endlich ihren Schreibtisch
in Ordnung bringen – und in Ordnung halten. Sebastian wird wie
immer einen Monat lang keinen Alkohol trinken – bis zum 31. Januar.
Anja will abnehmen, klar. Und Jan findet die Sache mit den Vorsätzen
Käse, hat sich aber in den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig
überlegt, dass er in Zukunft vielleicht ein wenig offener in die
Welt und auf seine Mitmenschen – und auf sich schauen sollte.
Alle, auch Jan, sind damit dem Ruf der
Zeit „zwischen den Jahren“ verfallen. Weihnachten ist vorbei,
viele müssen noch nicht arbeiten, die Schule ruht je nach Gegend bis
zum 6. oder 7. Januar (manche Waldis haben sogar eine Woche länger frei!),
selbst wer ins Büro geht, langweilt sich durch den Tag, denn in den
wirtschaftlich relevanten Bundesländern läuft nüscht. Da kommt man
auf Gedanken.

Früher hieß es, man solle zwischen
den Jahren keine Wäsche waschen. 

In den oft auch Rauhnächten
genannten Tagen (und Nächten) sei das gefährlich. Wo ich herkomme,
in Süddeutschland, fürchtete man, dass die Geister, die in dieser
dunklen Zeit durch die Gegend – naja, geisterten, in die zum
Trocknen aufgehängte Wäsche fahren und dann quasi aus dem Schrank
heraus Unheil anrichten könnten. Woanders ist es die Wilde Jagd, die
durch die Nächte pfeift – so kann man sich die Winterstürme auch
vorstellen. Ihre Wirkung auf die Leibwäsche war allerdings ähnlich
gefürchtet. Pragmatische Seelen – die Haushälterin meiner
Großeltern zum Beispiel – waren schlicht der Ansicht, man solle in
der Zeit nix anfangen, was vielleicht liegen bliebe: Das verfolge
einen dann die kommenden zwölf Monate. Eine Wäsche war damals eine
Tagesangelegenheit! Und die Abneigung gegen’s Waschen sozusagen eine
Warnung davor, das neue Jahr mit einer Hypothek auf der
Haushaltsarbeitsbank zu beginnen.
Da hatte sie halt Recht, die Frau
Rosenthal (so heiß die Haushälterin meiner Großmutter). Wer sich
kurz vor Dezemberschluss Dinge fürs kommende Jahr vornimmt, die er
die vergangenen Monate nicht auf die Reihe gekriegt hat (und die
Jahre davor auch nicht), der beginnt den Kalenderwechsel mit einer
Hypothek, die er fast nie abzahlen kann. Der Schreibtisch wird auch
2014 wie Sau aussehen. Ein kleines Glaserl Sekt beim Geburtstag des
Kollegen im Januar zählt doch nicht. Und per Entschluss hat noch nie
jemand abgenommen.

Warum das so ist? Weil der Wunsch halt
nicht Wille und nicht Weg ist. 

Die gibt’s, als ersten Schritt!, nur
mit der ehrlichen Beleuchtung der Frage, warum es denn bislang nicht
geklappt hat mit den guten Vorsätzen. Ist der Schreibtisch
vielleicht so unordentlich, weil es in einem selbst so unordentlich
ist? Kasteit man sich mit einem Monat (nicht durchzuhaltender) Abszenz
vielleicht, weil es an der Souveränität im Umgang mit Rauschmitteln
fehlt und man knapp vor der Abhängigkeit steht? Einzig Jans Vorsatz
könnte deshalb Wirklichkeit werden. Denn wer guten Vorsätzen mit
Skepsis begegnet, der weiß: Zunächst einmal gilt es, ein, oder
zwei, aber höchstens drei Dinge ein wenig anders zu sehen. Auch und
vor allem an sich selbst. Dann kann langsam Entwicklung entstehen.
Und die ist an kein Datum und an keine ollen Ammenmärchen gebunden.
Sondern nur an die ehrliche Sicht auf sich selbst. Dafür allerdings
bietet die Zeit zwischen den Jahren reichlich Gelegenheit.
Jost Burger

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