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Wochenberliner: Au Backe, die Schwuletten

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation,
in der er lebt.

So heißt ein Film, den Rosa von Praunheim
1971 drehte, und dessen Titel die damals vorherrschende gesellschaftliche Lage treffend beschrieb. (Im Westen. Im Osten war’s natürlich ganz anders, aber: anderes Thema.)  Seitdem hat sich zum Glück einiges verbessert. Nicht
wahr? Zum Beispiel hat sich in dieser Woche zum ersten Mal ein
ehemaliger deutscher Fußballprofi geoutet. Wie gut, dass das
heutzutage endlich Normalität ist! Fast möcht man schon fragen:
Gehört das wirklich dermaßen an die große Glocke gehängt? Ist
Sexualität nicht privat? Erzähle ich vielleicht jedem, dass ich
heterosexuell bin?
Nicht nur die Leser diverser Qualitätszeitungen bringen in ihren
Onlinekommentaren Verwunderung über diese „Sensationsmache“ zum
Ausdruck. Auch in den redaktionellen Kommentaren derselben Blätter
tritt der Überdruss an solchen Bekenntnissen zutage. Doch spätestens
einer jener Kommentare, hier: in der FAZ, zeigt, wie wichtig die
Handlung eines Hitzlspergers ist.
Denn mit jenem Kommentar hebt die stinkende Reaktion in ihrer
ganzen Verderbtheit das Haupt. Keine Randgruppen-Reaktion, die FAZ ist
schließlich kein Randgruppenblatt. Es ist die Reaktion breiter
Massen sogenannter intelligenter Menschen, die jede liebevolle Verbindung zu Herz und Orgasmus verloren haben. Jene Reaktion, die sich
ganz offensichtlich von gleichgeschlechtlicher Sexualität bedroht
fühlt, weil sie sich ihrer eigenen Sexualität nicht sicher ist. Jene Reaktion, die außerhalb der eigenen, tierhaft
empfundenen Weltschau nichts gelten lassen kann, was – weil anders
– als Bedrohung empfunden wird: Der Schreiber hofft am Ende, es
dürfe nicht so weit kommen, „dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich
bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“ Deutlicher kann man
gar nicht offenbaren, wie klein, gemein und verderbt man ist. Welch
Abgründe an Angst vor der Sexualität offenbaren sich da! Kaum etwas
ist primitiver, als die Angst vorm eigenen Schwanz umzulenken in mit
Zivilisation nur übertünchtem Hass auf diejenigen, die in ihrem
Kampf um Anerkennung an ebenjene Angst vor den eigenen zitternden
Lenden erinnern. Indem sie ins Öffentliche zerren, was tatsächlich
ins Schlafzimmer gehört: Aber nur deswegen, weil man ihr
Schlafzimmer seit 2000 Jahren in die Öffentlichkeit ewiger
Verdammnis, des Zuchthauses oder des KZs zerrt.
Schande über solche Leute, Schande über die Reaktion. Und die
Redaktion der FAZ. „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern
die Situation, in der er lebt.
Jost Burger

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