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Väter und Küchengeräte

Väter und Küchengeräte

Zu den vielen Dingen, die unsere Wohnung so lebenswert machen,
gehört auch eine wunderschöne, halboffene Küche. Eingefasst von
einer roten, nach oben schwingenden Wand (unsere Architektin spricht
von einer Skulptur), trennt sie vom Wohnbereich ein ovaler
Küchenblock aus nordamerikanischem Walnussholz. Worauf man jedoch
meistens blickt, ist die ihm gegenüberliegende lange Arbeitsfläche.
Sie ist Bühne und Aufmarschort für diverse große und kleine
Küchengeräte, an denen meine Frau und ich immer wieder Gefallen
finden.
Von Freunden hatten wir zum Beispiel gehört, wie praktisch ein
Brotbackautomat sei. Abends kommen die Zutaten in die Maschine, und
am morgen begrüßt einen der Duft frischen Brotes, das sich über
Nacht quasi selbst gebacken hat. Wie schön! Wie verführerisch! Das
müssen wir auch haben, sagten wir uns. So viel Platz braucht ein
Brotbackautomat doch nicht. Das Brotbacken wird ganz schnell Teil
unseres Alltags sein. Und Geld spart man ja auch.
Wenig später stand tatsächlich ein Brotbackautomat auf der
Arbeitsfläche. Wir hatten uns informiert und zum Besten gegriffen.
Qualität bekommt man eben nicht zum Nulltarif, und dafür stimmt
dann auch das Design. Das matt gebürstete Aluminiumgehäuse
harmonierte wunderbar mit dem Signalrot der Küchenwand und der
grauen Arbeitsplatte. Wenn man gut aufräumte, war noch genug Platz
für ein mittelgroßes Schneidebrett.
Von nun bestimmte der Bedarf an neuen, uns bis dahin unbekannten
Mehlsorten die Zusammenstellung des Einkaufszettels. Neben dem ja
etwas gewöhnlichen Typ 405 ist eine Vielfalt an weiteren
Varianten am Markt. Einige haben sogar vierstellige Nummern.
Zufrieden verfügten wir bald über ein ganzes Arsenal an Zutaten, unter denen sich auch ausgefallene Hefesorten und eine Batterie ungewöhnlicher
Öle fanden.
Mit dem Backen ging es weniger gut. Egal, welches Programm wir
wählten, egal, mit welcher Akribie wir die Temperierung der
flüssigen Zutaten überwachten und trotz inniger Stoßgebete zu den
wirkmächtigsten Gottheiten der Menschheit: Jeden Morgen begrüßte
uns zwar verführerischer Duft, bevor wir die Klappe der Maschine
öffneten, doch aufgehen, nein, aufgehen wollte kein einziges unserer
Brote. Nicht einmal – der Herr verzeihe uns – fertige
Backmischungen gelangen. Das einzige Brot, dessen Endhöhe
die Fünf-Zentimetermarke überschritt, war ein ordinäres Weißbrot
praktisch ohne Nährwert, und dafür hatten wir das teure Ding nun
wirklich nicht gekauft. Meine Frau fing an, sich wegen der Unsummen
zu sorgen, welche die eilig in der Früh beim Bäcker gekauften
Pausenstullen mittlerweile verschlangen. Wir hatten ja nie Brot, um
selber welche zu schmieren.
An einem Sonntagvormittag im November stellte ich zum ersten Mal
die Eieruhr nicht wie sonst aufs Regal über der Arbeitsplatte,
sondern auf den Brotbackautomaten. Er schien mir plötzlich ein
praktischer Ort, um Dinge abzustellen. Bald folgten Salzstreuer, der
Messlöffel für den Kaffee, der Kellerschlüssel, den ich sonst
immer verlegte, und die Stullenboxen der Kinder. Kaum einen Monat
später führte der Brotbackautomat ein trauriges Dasein als
Ablagefläche.
Die Sache wurde uns bald peinlich. Dennoch währte der Zustand
ein gutes halbes Jahr, bis wir um Ostern herum beschlossen, dass man
manchmal etwas opfern muss, damit etwas Neues entsteht. Hatte der
Herr ja auch so gemacht. Soviel Pietät besaßen wir allerdings, die
Maschine nicht in den Keller zu tun. Platz wäre dort allerdings auch kaum gewesen. Zumal man ja nie weiß, wann man die Sachen wieder braucht.
Stattdessen lagert der Brotbackautomat jetzt in der Speisekammer. Wir
schufen Raum, indem wir die zahlreichen Bestandteile der
Multifunktionsküchenmaschine, den zweiten Racletteofen, die
Nudelmaschine und die elektrische Kaffeemühle etwas zusammenschoben.
Auf die Arbeitsfläche passen jetzt wieder mehrere große
Schneidebretter. Etwas Neues, Altes, ist entstanden.
Meine Frau wünscht sich jetzt übrigens einen Entsafter.
Jost Burger

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