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Wochenberliner: Die Brotsorten als Weltkulturerbe – Sonntag immer frei und ne Stulle in der Sunne

Ne Stulle in der Sonne? Der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks e.V.

Der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks e.V. möchte,
dass deutsches Brot zum Weltkulturerbe erklärt wird. Sie wissen
schon, so es wie eine Weile lang Dresden war oder in Zukunft
eventuell Wikipedia sein wird. Der Mann da auf der Straße morgens
immer fragt mich: Warum? Eine gute Frage, die auch ich mir oft
stelle. Jeden Morgen um zwanzig nach sechs zum Beispiel, wenn ich den
Kindern die Stullen schmiere. Ein Glück haben wir eine
Brotschneidemaschine, denke ich dann, oder, ach was, ich bin mit dem
Zeug ja auch fast 1,90 geworden, im schlimmsten Fall schmeißen sie
das einfach weg, oder sie bauen sich ne Hütte draus.

Warum also Weltkulturerbe?

Warum also Weltkulturerbe? Wollen wir vielleicht die deutsche
Beton- und Baumaterialvielfalt auch zum Kulturerbe erklären? Ist das
deutsche Brot in Gefahr? Verliert die Weltkultur, wenn es das
deutsche Brot verliert? Oder haben andere Völker gar kein Brot,
braucht es Kulturbotschafter, nein: Kulturbrotschafter, die die Sache
über den Globus verteilen? Bröte-Institute?
Wenn ein deutscher Zentralverband e.V. sich einer Sache annimmt,
dann können Sie sicher sein, dass da erst Mal jede Menge Zahlen
aufgefahren werden. Ich weiß das, ich bin ja der Recherchefuchs.
Deshalb schaue ich mir die Sache im Web an, und es ist wirklich
sagenhaft. Bäcker (vermute ich) können da beim e.V. Brotsorten
einreichen, die dann unabhängig und wissenschaftlich auf ihre
kulturelle Eignung geprüft werden. Ich stelle mir das so vor, dass
da ein strenger älterer Herr ein schwäbisches Laible auf
Schillerfestigkeit prüft und ein anderer sich den vorwitzigen
brandenburgischen Kommisskasten vornimmt, ob er auch alle
friedericianischen Flötenkonzerte drauf hat. Wer das überlebt, geht
in die Statistik ein. Die kann man nach Ländern geordnet – oder
auch auf Bundesebene, das bleibt jedem überlassen! – nach Lust und
Laune durchforsten. Wer weiß schon, dass in Berlin die
Roggenmischbrote dominieren, während man in Baden-Württemberg eher
zum Weizengemisch greift? Ist es nicht erstaunlich, dass in der
Hauptstadt die Stulle vor allem aus dem Steinofen kommt, im Ländle
jedoch der „normale Backofen“ führt? Aus welchem dort ebenso wie
in Berlin in der Mehrzahl „kleine Brote“ (500 bis 1000 Gramm)
gezogen werden, die allerdings in 5,6 Prozent aller Fälle – anders
als in den Backstuben an der Spree – auch von „Großbroten, mehr
als 1500 Gramm“ begleitet werden?


Es gibt 1,9 Milliarden Brotsorten

Ich habe lange darüber nachgedacht. Exakt 1,9 Milliarden
verschiedene Brotsorten gibt es in Deutschland, 235 Prozent kommen in
frei fließend ovaler Form vor, der Rest teilt sich in
zweidimensional/kastenförmig und misslungen auf, 15 Sorten sind ohne
Salz und 88 Prozent schmecken so gut, dass man damit auch den
Westwall errichten könnte. Genauso, wie die Italiener keine Autos
bauen können, die Franzosen kein Ausländisch lernen, die Spanier
die Aufklärung nicht einführen, die Araber ihre Frauen nicht
befreien, die Russen ihre Babuschkas nicht zum Teufel wünschen und
die Griechen sich vermutlich nicht oft genug waschen, es sei denn, es
handele sich um Geld, so kann der Deutsche nicht an einem
Getreidefeld vorbei, ohne mit einer Tüte Laugengebäck
wiederzukommen.

Das Brot als Weltkulturerbe

Kein Zweifel, das deutsche Brot verdient es, Weltkulturerbe zu
werden. Das hat der e.V. mit dem feisten Bäckermeister auf der
Website vorgerechnet und bewiesen. Und daraufhin gehe ich jetzt in
die französisch-portugiesische Bäckerei am Südstern und tröste
mich mit deren Erzeugnissen und dem Gedanken, dass ich ja auch ans
Mittelmeer auswandern kann.
Jost Burger

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