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Heute Abend gibt es Kartoffelsuppe?! Wie Vater und Kinder gärtnern.

Ich schätze, dieses Jahr tu ich mal keine Kartoffeln in den
Garten.

Denke ich, während ich die Kellertreppe hochsteige. In der Hand
den Beutel mit einem Pfund Adretta. Schon wieder total geschossen,
obwohl kühl und in totaler Dunkelheit gelagert … Nachbarsorte
Desirée verhält sich anständig, ausgerechnet, bei dem Namen würde
man doch allerhand Koketterien vermuten. Aber nee, nur die von mir in Massen
gezogene, bodenständige, volks- und proletariernahe Adretta aus dem
Osten, immer ordentlich und sauber, die macht erstens bei der Ernte
Stress und lässt sich dann nicht mal bis Weihnachten lagern.

Dabei sind Kartoffeln im Kleingarten so was von praktisch. 

Am
besten im vorderen Teil, der bei der Begehung durch die Vereinsoberen
als erstes auffällt, ein 30 Quadratmeter großes Feld anlegen, im
Frühjahr die Knollen rein, zwischendurch mal anhäufeln und ein
bisschen hacken und bis zum Frühherbst nix mehr machen müssen. Dann
große Freude. Kartoffeln ernten ist wie Ostereier suchen. Ich hab
noch eine! Beim Umgraben später im Jahr findet man dann noch mal ein
Kilo Hasenfüße.
Nur die Lagerung, das ist halt ein Scheiß. Früher auf dem
Balkon, aber einmal unerwartet Frost und – Bombe, alles kaputt. Im
Keller: Geht auch nicht, außer Desirée, aber man will ja auch mal
Abwechslung und außerdem ist der Name nicht jugendfrei. „Desirée“,
hallo?! Es ist ein Kack mit den Kartoffeln, denke ich, während ich
die letzten Stufen in den fünften Stock nehme. Autsch, meine Knie.

Zitronen, das wär’s! 

Man hat jetzt rausgefunden, wenn man relativ
junge, aber schon spezialisierte Mäusezellen in Zitronensäue
schmeißt, entwickeln die sich quasi rückwärts, werden zu
Stammzellen, aus denen dann wieder alles entstehen kann. Neue Knorpel
für die Knie zum Beispiel. Keine Ahnung allerdings, ob in Zitronen
Zitronensäure ist, oder wie die japanischen Forscher überhaupt auf
sone Ideen kommen. Aber egal, im Garten sähe ein Zitronenbaumhain
hübsch aus, und bei der Lagerung bekommen Zitronen keine hässlichen
Auswüchse. Und immer alle Zutaten für Gin & Tonic im Haus,
vorausgesetzt, man steht auf die Variante mit Zitronenscheiben (statt
Limone) und sorgt für ausreichend Gin, Tonic und Eiswürfelvorräte.
Nur dass Zitronen hier im Berliner Norden natürlich nicht wachsen.
Andererseits: Mir doch egal! Ich versuch das jetzt, nichts ist
unmöglich! Die haben hier ja auch mal versucht, den Westen zu
überholen ohne ihn einzuholen! Gar nicht weit weg von meinem Garten
übrigens, der liegt nämlich nur einen Steinwurf vom Majakowskiring
entfernt.

Oder doch Bohnen? Da fällt wenigstens auf, dass man was macht.

Und die blühen so hübsch. Sind auch leichter zu transportieren,
wachsen überirdisch und tragen drei Monate lang. Danach ist dann
auch mal gut. Und keine Lagerung im Keller mehr. Oder Erbsen? Bunter
Mangold? Komm, alles, nur nicht des Deutschen Urgewächs. Nichts
klingt so schrecklich wie das Schmatzen alter Veteranen, die das Zeug
kiloweise in sich hinein …
Ich schätze, dieses Jahr tu ich mal keine Kartoffeln in den
Garten. Denke ich, während ich die Wohnungstür aufschließe, und es
mir von drinnen aus drei Kinderkehlen entgegenbrüllt: „Geil, heute
Abend gibt’s Kartoffelsuppe!“
Jost Burger

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