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Wochenberliner: Verkehr. Eine Bestellung.

Konstantin hat eine Bestellung aufgegeben: Ich solle über den
Verkehr schreiben in Berlin, mit dem besonderen Fokus auf die Frage:
Warum ist hier eigentlich immer was los? Warum sind Gehwege und
Straßen nie leer, egal zu welcher Tageszeit? Na ja, wird man sagen,
Berlin, das ist halt eine große Stadt, da geht immer was. Darauf
haben wir uns dann auch geeinigt.
Damit saß ich da. Und hatte das Gefühl, die Bestellung sei aber
nicht richtig abgearbeitet. Vielleicht tun es ein paar add ons, ein
paar odds and ends, die sich angesammelt haben und im weitesten Sinne
thematisch verwandt sind? Zum Beispiel dieses, nach dem ersten
Mai-Wochenende.

„Es ist, ahem, eine bisschen her mit dem letzten Eintrag. Ich
weiß noch, dass ich nach dem ersten Wochenende im Mai, an dem ich
und die Blog-Kollegen an einem bedeutenden sozialen Großevent
teilgenommen hatten, bei dem es auch darum ging, sich durch die Stadt
zu bewegen – jedenfalls dass ich mir vorgenommen hatte, hier kurz
zu berichten, dass ich mir nicht sicher bin, jemals in dieser Stadt
anzukommen. Es war der Samstag nach dem 1. Mai, diesem Volksfest der
Solidarität, und ich wunderte mich ernsthaft über die vielen
Polizisten in der Stadt: Das wird ein Fußballspiel sein, dachte ich
selbst dann noch, als ich den Alex von zehn Wannen abgesperrt sah und
die Zufahrtswege ins Zentrum der Ideologieproduktion von
Staatsschützern in Grün gesäumt waren – nie war es so aufregend
gewesen, mit dem Fahrrad nach Kreuzberg zu gelangen.
Andererseits erwischte ich mich bei geradezu metropolenhaft
abgeklärten Gefühlen, als ich später auf der Skalitzer zu meiner
Begleitung meinte, der Typ in orangefarbener Kluft und den vielen
Schlüsseln am Bund könnte von der BSR sein – andererseits läuft
er vielleicht auch immer so rum, wenn er Samstagabends ausgeht. Noch
viel später, beim Kaugummikaufen auf der Schönhauser (Rauchen ist
ja so eklig), erschloss sich mir dann zum ersten Mal, was all die
hässlichen betrunkenen Touristen so toll finden könnten an dieser,
nun ja, lebendigen Stadt, wenn sie da so zwischen den hässlichen,
betrunkenen Einheimischen herumtollen. Es ist halt wirklich so
wunderbar lebendig, manchmal ist es so einfach.“
Hm. Sonst noch was? Derletzt bin ich schon wieder durch die Stadt
geradelt, nicht, dass das noch zur Gewohnheit wird. Gerade hatte ich
die schönen Mädchen in Kreuzberg bewundert, da fiel mein Blick auf
eine Plakatwerbung für, ich glaube, Astra „nackt“. Drauf saßen
inmitten angezogener Menschen zwei Männer und eine Frau in, naja,
nackt, Bier trinkend. Nackige Bierwerbung. Klar, ich frug mich auch,
wieweit man die Gesellschaft eigentlich noch infantilisieren kann.
Viel mehr beschäftigte mich aber die Brüstefrage. Die hielt die
Frau nämlich wie zufällig mit ihren Armen bedeckt, klar, sie muss
ja das nackige Bier stemmen. Aber was passiert während des
Shootings? Glotzen ihr die Modelkollegen auf die Brüste? Hält sie
die immer bedeckt? Sind die vielleicht abgeklebt? Steht eine
Assistentin bereit, jeden ungeshooteten Augenblick ein Mäntelchen
über das Model zu breiten? Schwitzt man da nicht fürchterlich? Und
macht Alkohol nicht impotent?
Da sieht man, was man beim Verkehr so für Gedanken kriegt.
Jost Burger

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