Eierkuchen und Pfannkuchen 

„Eierkuchen, Pfannkuchen und Berliner. Lg Anne“, 
hieß es
bereits vor vier Tagen in einer E-Mail an den Unterzeichnenden. Das
war ein Textwunsch, wie ich ihn liebe. Galt es doch, einem der
gefährlichsten Phänomene gesamtdeutscher Sprachverwirrung
nachzugehen: den Bezeichnungen für Frittiertes und in der Pfanne
Gebackenem. Könnte ja so einfach sein. Führt aber zu sprachlichen
Auffahrunfällen


Wir sind  essen Berliner

Bedenken wir: Hier ist Berlin. Hier sind viele Berliner (no pun
intended). Hier leben aber auch viele Schwaben. Deren wiederum viele
ja aus Baden stammen, wo man reinstes Hochdeutsch spricht, aber
lassen wir das und konstatieren wir: Was in Berlin die Berliner sind,
sind in Baden-Württemberg (auch als „Geberländle“ bekannt)
Hauptstädter, oder, übrigens ganz ohne erotische Konnotation,
frittierte Teigbällchen zum Vernaschen (kinderfaustgroß, mit Süßem
gefüllt). Wer einmal ein Kind in einer gemischt-nationalen Kita
hatte (also mit Leuten aus Ost *und* West), der weiß: Hier fangen
die Probleme an. Es ist ja auch nachzuvollziehen, dass die Kita-Dame
es komisch findet, wenn das badisch-bayerisch geprägte Kind
ankündigt, mehrere seiner Spielgenossen speisefertig in Tüten
verpackt zum Fasching (Karneval, Fastnacht, Fassenacht, noch so ein
Irrtumswegbereiter) mitzubringen. Vollends die Verwirrung, spricht
das Kind auch noch von „Krapfen“. Wobei dasselbe Kind vermutlich
über den Schluckauf auch vom „Hatschger“, von der Schüppe vom
„Schäufele“ reden wird, weswegen es als dialektal sonderbar gilt
und sowieso von keinem mehr ernst genommen wird.
Fannekuchen?
Bevor wir aber einen linguistischen Schluckauf kriegen – schöner
wäre „Gluckser“, der korrekte mittel(!)badische Ausdruck –
zurück zur Tatsache, dass ganz Deutschalnd vom „Berliner“
spricht und damit das meint, was der Berliner selbst als
„Pfannkuchen“, vulgo „Fannekuhchen“ bezeichnet. Der Grund:
Lustigerweise gilt Berlin tatsächlich als Ursprungsort dieses
Gebäcks (aber ihr könnt ja wohl selbst mal bei Wikipedia
nachsehen): „Berliner Pfannkuchen“. Aber in Freiburg heißt die
Münsterplatzwurst ja auch nicht Freiburger, so heißen nach wie vor
die Einwohner dieses südbadischen Oberzentrums. Dass die rund um das
Freiburger Münster angebotenen Bratwürste im Volk als „Rote
Lange“, „Rote Kurze“„Weiße“ und „mit oder ohne Zwiebeln“
bekannt und begehrt sind, wollen wir jetzt einfach mal so stehen
lassen.
Man könnte sich jetzt darüber freuen, dass aus Berlin endlich
einmal Impulse kommen, die die gesamtdeutsche kulinarische
Wirklichkeit weniger als nur marginal prägen (die Currywurst wurde
ja, wie jeder weiß, im Ruhrgebiet und nicht an der Ecke
Schönhauser/Eberswalder erfunden). Man könnte sich auch über
Geschichten wie jene ergötzen, die nur in Berlin spielen können:
Kommt ein Wessi-Paar in die türkisch geführte Friedrichshainer
Bäckerei. Wollen sie Fassnachtskrapfen bestellen. Sagen sie: Aber
einen mit Senf! Sagt Yasemin: Mit Senf? Bist du bescheuert? Is ja
voll eklisch! Hat aber Yasemin im darauffolgenden Jahr Krapfen mit
Senf im Angebot. Oder sind das jetzt Berliner?! (Anm.: Großer Spaß:
Mit dem Kind harmlose Pfannkuchen/Berliner per Spritze nachträglich
mit Senf zu präparieren.)
Man könnte jedoch auch darauf verweisen, dass die Geschichte
damit noch nicht zu Ende ist. Denn dass Berliner überall,
außer in Berlin, Berliner heißen, daran kann sich auch der
hartgesottenste Funktionärsrentner gewöhnen. Dass aber das, was in
allen umgangssprachlich vernünftigen Gegenden als „Pfannkuchen“
bezeichnet wird, in Berlin „Eierkuchen“ heißt, das, bitteschön,
das versteht auch kein Zweitgenerationsberliner. Na klar, rein
strukturalistisch gesehen (ich hab das studiert!) ist die Sache klar:
Die Stelle „Pfannkuchen“ ist besetzt, also muss ein neuer
Ausdruck her, eben „Eierkuchen“. Aber ich sage euch: Jeder
normale Mensch wird darüber wahnsinnig. Und die Kinder schizophren,
die müssen ja schon damit klar kommen, dass die Geschenke hier nicht
das Christkind bringt, sondern der Weihnachtsmann oder sonst
irgendein Irrsinniger …
Die Lösung kann eigentlich nur eins sein: Eine
königlich-preußische Kommission wird eingesetzt und bringt
Klarheit. In Fett gebratenem Naschwerk heißt fürderhin „sößar
Köttbullar“. 

Und die Geschenke bringt Santa Claus.

  • Norddeutschland, Rheinland, Westfalen: In großen
    Teilen Norddeutschlands, von Mecklenburg über Schleswig-Holstein
    und Niedersachsen bis nach Westfalen und dem Rheinland sowie in
    Teilen der Pfalz, in Teilen Baden-Württembergs (vor allem im
    Westen), im Saarland und in der Deutschschweiz
    werden sie „Berliner“ genannt. Im Bereich
    Ruhrgebiet/Sauerland/Niederrhein selten auch „Berliner Ballen“.
    In Aachen heißt
    der Berliner Pfannkuchen „Puffel“.

  • Mitteldeutschland: In Hessen, der Kurpfalz,
    Unterfranken, Rheinhessen, Westthüringen und Schlesien kennt man
    sie als „Kreppel“ oder „Kräppel“.

  • Ostdeutschland: In Berlin selbst und großen Teilen
    Ostdeutschlands von Vorpommern bis nach Thüringen und Sachsen
    spricht man von „Pfannkuchen“. Süße Brezeln aus
    Pfannkuchenteig nennt man in Berlin „Faschingsbrezeln“; in
    Sachsen „Pfannkuchenbrezeln“.

  • Südostdeutschland, Österreich: In den südlicheren
    Teilen Deutschlands, insbesondere Bayern, in Teilen
    Baden-Württembergs (vor allem im Osten) und in Österreich spricht
    man von „Krapfen“; in Franken, in Teilen Thüringens und im
    Alpenraum Österreichs, Deutschlands und in Südtirol – wo
    „Krapfen“ den Bauernkrapfen
    bezeichnet – spricht man von „Faschingskrapfen“.

  • Südwestdeutschland: In Südwestdeutschland
    findet man – insbesondere zur Fastnachtszeit – selten auch die
    Bezeichnung „Fas(t)nachtsküchle“ oder regionale Varianten
    dieses Begriffs. In Baden-Württemberg nennt man sie auch einfach
    „Berliner“.

Jost Burger