Über Familienfreundschaften

In der  aktuellen Nido ist ein Interview mit meiner Freundin Antje und mir erschienen. Das Interview
ist im Zusammenhang mit dem Thema „Familienfreundschaften“ entstanden und
begründet sich auf folgender Begebenheit.

Das Jahr 2008 war kein gutes Jahr

Ende 2008 wurde unsere Tochter K1 mit einem Krankenwagen in das Krankenhaus Friedrichshain eingeliefert. Madame hatte einige Wochen zuvor einen OP Termin, für eine mediane Halszyste, erhalten. Durch Komplikationen waren wir schon viel eher als gedacht im Krankenhaus, mit anderen Diagnosen und viel Wartezeit. Insgesamt waren wir mehrere  Monate im Herbst 2008 in dieser Blase Krankenhaus.
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Ich schreibe bewusst Blase Krankenhaus, denn so fühlte sich das für mich an, als Elternteil. Eine Blase aus Stille, Piepen und Visiten. Eine Blase aus Sorge um das eigene Kind. Ich lese seit einiger Zeit den Blog
von Jessika über ihre herzkranke Tochter Hannah und auch Mareikes Krankenhausaufenthalte auf Kaiserinnenreich verfolge ich aufmerksam, denn die Blase aus Sorge und Zweifeln, aus Angst und Liebe die erscheint mir doch irgendwie gleich, bei allen.
In diesen Wochen haben wir uns immer abgewechselt, Konstantin und ich. Ich fünf Nächte, er zwei. Durch die Abgabe der bevorstehenden Magisterarbeit war er zeitlich gebunden, ich konnte in der Uni und Arbeit damals Bescheid geben, dass es einen familiären Notfall gegeben hatte und bekam frei. Wenn ich
morgens, nach dem Wechsel, aus den Nächten mit Piepgeräten und Schlauchwechseln nach Hause wankte, konnte ich nicht schlafen. Ich habe in diesen langen Wochen alle Friends Staffel gesehen, ALLE. Ob in den Nächten, oder den Tagen zu Hause, ich konnte mich nicht ausruhen und Rachel und co waren meine Freunde. Keine Nachfragen, kein Dialog, keine Sorgen. Es war einfach eine stille Zeit für Alle. Zu Weihnachten war es geschafft. Wir waren daheim und froh, dass eine Infektion, eine OP, eine Wundentwicklung und eine große Narbe später, wir wieder zu Hause angekommen waren.
Ein krankes Kind macht einsam
Die Wochen waren einsam, innendrin. Klar, es kamen viele Freunde und die Familie zu Besuch, aber was soll man sagen? Was hilft? Ich nahm den Alltag wieder auf, Konstantin konnte seinen Magister weiter abschließen, wir versuchten zu vergessen.
Lange Zeiten im Krankenhaus mit Kindern
Dann der Schock, zu Ostern 2009 standen wir erneut am Anfang. Erneute Diagnose, erneutes
Krankenhaus. Ich kann gar nicht beschreiben wie sich das anfühlt, ich wünsch einfach niemandem diese Achterbahn aus Gefühlen. Eine OP kam aufgrund der frische der Narben nicht in Frage, wieder Medikamente, wieder warten. Die Wochen vergingen, ein OP-Termin wurde festgelegt. Merkwürdigerweise war das für K1 wohl eher ein erneuter Ausflug in ein zweites Zuhause. Sie war daheim im Krankenhaus, angekommen. Sie kannte sich aus. Die Schwestern  und Ärzte begrüßten uns, wir bekamen ein Zimmer allein. Es würde dauern, das war klar.

Sich ablenken, das muss man können wenn das eigene Kind krank ist

Ich schrieb in der Zeit einen Antrag auf unsere erste Mutter-Kind- Kur, bastelte an meiner Diplomarbeit und gestaltete die Wände der Kinderstation im Krankenhaus Friedrichshain mit Bilderrahmen um (wirklich). Nach der neuen OP blieben wir wieder einige Wochen vor Ort, weil die Narben sich entzündet hatten. Gut, dass wir die Friends Staffeln noch daheim hatten, soviel kann ich sagen. Uns war langweilig im Krankenhaus, wir wollten Action.

Das Kind erkundet die Krankenhauswelt

K1 war wesentlicher mobiler als noch im Herbst. Jeden Tag schob das Kind den Tropf über die Flure. Eines Tages lief Madame wieder los, vor sich hin brubbelnd. Eines Tages schob Madame ihren Tropf in ein anderes kleines Zimmer. Dort lag Emma. Emma ist 5 Monate jünger als K1 und wir besuchten sie seitdem mehrmals am Tag. Emma musste nach ihrer OP leider komplett liegen. Emma mit Mama Antje und Dominik waren auch längere Zeit auf Station, es entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute hält.

Zusammengehalten durch gemeinsame Erlebnisse

Ich weiß nicht, ob es das Durchbrechen der Blase war, die uns zusammengebracht hat? Vielleicht der Versuch Dinge gemeinsam zu verarbeiten und über Kinderthemen hinaus zu gehen, wer weiß. Fakt ist, wir trafen uns dort in diesem Krankenhaus und sie machten unsere Wochen bunter und kurzweiliger. Wir
bestellen Sushi während die anderen Graubrot kauten, wir haben uns Bücher vorgelesen. Die Krankenhausclowns lernten wir abzuwimmeln, Affären unter Ärzten und Schwestern herauszufiltern und gemeinsame Spaziergänge im Krankenhauspark, während des Mittagsschlafes, zu genießen. Egal welche Kombinationen gerade im Krankenhaus waren, es war gut zu wissen, dass sie da waren. Als Emma ging,
waren wir traurig. Die Tage erschienen uns wieder länger. Auch nach erfolgreicher zweiter OP und der Entlassung im Mai legten wir unsere Nachsorgetermine parallel, trafen uns regelmäßig und jagten über die Flohmärkte.

Aus etwas Schlechtem kann Schönes enstehen

In 2010 arbeiteten wir danach sogar eine Zeitlang zusammen, sie war gewachsen die Freundschaft. Ich habe mich oft gefragt, wie das geht, dass man über die Kinder Freunde finden kann, wirklich! Hätte ich nämlich nie gedacht. Ich wurde eines Besseren belehrt und weiß nun welche Qualitäten das haben kann,
das tut gut

Die Angst bleibt für immer.

Aus diesen Zeitabschnitten sind mir also nicht nur das Zähneknirschen und die Angst vor jeder Kontrolle geblieben, es sind mir auch gute Erinnerungen und lustige Begebenheiten dank Antje, Emma und Dominik geblieben, dafür danke. Ein Bundeslandwechsel hat uns nicht weniger zusammengeschweißt, wir kichern immer noch gemeinsam und teilen unsere Sorgen. Es ist schön zu wissen, dass unsere Geschichte in der neuen Nido erzählt wird und lustig zu lesen wie ein die Freundin sieht. Eine von vielen Beispielen für tolle Dinge, die aus schwierigen Situationen entstehen können. In unserem Fall eine Familienfreundschaft, mit Interview, zu finden in der neuen Ausgabe der Nido ab heute im Handel.
Alu