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Wer stellt sich gegen die Liebe?!

Wer ist gegen die Liebe?

Markus Günther hat in der F.A.Z. Online vom 25.9.14 ein Plädoyer gegen die Liebe  gehalten. Das hat nicht nur bei uns Diskussionen ausgelöst. Es ist ja immerhin eine steile These, die er da loslässt, und die – so ist das bei der Liebe – halt irgendwie uns alle betrifft.
Konstrukt Liebe.
Günters Kernthesen sind wie folgt: „Liebe“, beziehungsweise das Suchen nach der einen, großen, ewigen, glückselig machenden Liebe, ist die Religion unser Zeit und unserer Gesellschaft. Vom Liebeskult spricht er, davon, dass schon kleine Kinder auf Schmetterlinge im Bauch getrimmt werden.Ganz, so sein Empfinden, könnten sich die Menschen nur noch in der Zweisamkeit fühlen. Wer allein ist, gelte als einsam, unglücklich und irgendwie beschädigt. Doch das sei falsch?! 

„Zweisamkeit ist nichts anderes als die Fortsetzung der Ich-Bezogenheit mit anderen Mitteln.“ Was er meint: Unser hemmungsloses, energiezehrendes Trachten nach der großen Liebe ist so gar nicht selbstlos. „Die Vergötterung des Anderen geht Hand in Hand mit der Vergötterung des eigenen Ich, das immerzu gepflegt und in seinem Marktwert erhalten werden muss. Das erfolgreiche Objekt meiner Liebe bestätigt nur meine eigene Großartigkeit; unser zur Schau gestelltes Liebesglück schmeichelt niemandem so sehr wie mir selbst.“ Und paraphrasiert zum Schluss Erich Fromm: „Die wichtigste Voraussetzung, einen anderen Menschen lieben zu können, meint Fromm, wird so gerade nicht geschaffen: die Überwindung des eigenen Narzissmus.“
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Ich stimme zu

Zunächst: Ich stimme dem Ganzen in geradezu hymnischer Weise zu. Zwar liegen, wie so oft, keine empirischen Daten vor. Doch wer sich einmal den unglaublichen Erfolg von Schlagersängerinnen wie Helene Fischer vor Augen hält, in deren Texten es ständig um den Einen, um die ganz große Beziehung, um den „Captain meiner Seele“ (so der der Titel eines ihrer erfolgreichsten Stücke) geht, der mag schon glauben, was die meisten Menschen bewegt: Das ganz große Liebes-Ding. Witzigerweise eben nicht als autonome, in sich existenzfähige Persönlichkeit, sondern als Defizit, als ein Halbes, das es zu einem Ganzen zu machen gilt. Platons Vorstellung von den ursprünglich heilen Kugelmenschen beiderlei Geschlechts lässt grüßen: Seit wir durch die Götter geteilt wurden, verzehren wir uns vor Sehnsucht nach der anderen, ergänzenden, ganz-machenden anderen Hälfte. Ergo Große Liebe. 

Ist nun alles in Ordnung?
Ergo: Alles in Ordnung? Die Sehnsucht nach der großen Verschmelzung ist normal? Und Günther hat Unrecht mit seiner Verdammung der großen Liebe? Ja und nein. Klar, offensichtlich sehnt sich der Mensch nach einer engen Beziehung, nach Bindung. Doch wo haben wir diese Verschmelzung, dieses absolute Aufgehobensein zuletzt erlebt? Bei Mama. Da hat sich seit Platons Tagen wohl nicht viel getan. Doch ist es deshalb ja nicht besser, sich in einer Beziehung nach dem Geborgenheitsgefühl der Kindheit zu sehnen. Wollen wir nicht reife, erwachsene Menschen sein? Dem anderen auf Augenhöhe begegnen? Partner sein? Das geht wohl kaum, soll jener andere Mensch all das liefern, was wir in uns selbst nicht finden. Und nicht finden wollen: Denn die Sehnsucht nach der großen Liebe, die einfach so da ist und total glücklich macht, beruht ja auf der Vorstellung, selbst nichts tun zu müssen. Fragt sich nur, was passiert, wenn der andere mal eigene Ideen hat. Nach ein paar Jahren nicht mehr so hübsch ist. Einfach stirbt! Wo er doch da zu sein hat! 


Wer sich nach der großen Liebe sehnt, ist infantil

Meine These: Wer sich nach der großen Liebe sehnt, ist infantil. Wir müssen erst einmal lernen, in uns selbst ganz zu sein. Dann erst sind wir bereit zu Begegnung mit einem anderen, dem wir auch jeden Tag aufs Neue begegnen. Vielleicht hilft es ja, sich ein bisschen anzustrengen. Das ganze als Arbeit anzusehen. Sich rasieren. Nicht in der Jogginghose rumlaufen. An BHs glauben. Die Befindlichkeiten im gemeinsamen Wohnzimmer genauso wenig rauslassen, wie man das auf der Arbeit nicht tun würde. Sex nicht mit Liebe verwechseln. Wenn es eben doch nicht passt, den anderen aus lauter Liebe auch ziehen lassen. Und witzigerweise kann dann erst eine vielleicht lebenslange Bindung entstehen. 

Jost Burger

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