Über Mütter und Töchter

Heute Morgen stand ich in der U-Bahn  hinter einer älteren Dame. Ihr weißes,
gewelltes Haar ging ihr über die Schultern und sie las ein Buch. Schick
gekleidet in einem schwarzen Mantel mit roten Schuhen stand sie mit beiden
Beinen fest vor mir.

Mein Kind, wirst du so sein wenn du älter bist? Werde ich
noch da sein und meine schrumpeligen Finger die deinen berühren? Wirst du mit
beiden Beinen und wallendem Haar in der U-Bahn stehen und deinen Weg gehen? 
So
oft stelle ich mir dich als Erwachsene vor. Ich glaub sehr oft die zarten Züge
deiner Großmutter in dir zu erkennen. 


Wirst du deine Haare noch tragen wie bisher?

Wirst du deine Haare immer noch lang
tragen wie jetzt und meist offen? 
Werden deine feinen Gesichtszüge  den kindlichen Charme verlieren?
Wie wird es sein, zwischen uns, wenn du erwachsen bist?
Werden wir uns oft sehen und uns vom Alltag erzählen, oder wirst du weit weg
sein, innen drin?

Ich sehe dich an während du schläfst und vergesse in diesen
Momenten all die kleinen Streitigkeiten des Alltags. 

Die schweren Zeiten, sie kommen erst noch, sagt man mir. Deine Stimme, wenn
du mit mir diskutierst. Dein Willen, der sich in kleinen Gemeinheiten äußert.
Ich kann dich in diesen Momenten trotzdem noch sehen, deine Augen blitzen wie
meine und ich lächle dich dann einfach an. Oftmals beginnen wir dann gemeinsam zu lachen und nehmen
uns so den Schreck aus den Gliedern.

Lass es uns so halten, lass uns das Lachen und unsere Liebe
immer eine Verbindung schaffen, auch in den Momenten wenn du mich für die
schrecklichste Mutter und ich dich für die streitbarste Tochter halte.
Lass uns daran denken wie wir mit zwei Jahren so viel Zeit
in der Klinik verbrachten und wie ich deinen kleinen Körper an mich schmiegte.
Lass uns innehalten in diesen Momenten die mir zeigen wie
groß du geworden bist und die mich stolz machen und mich zum Weinen bringen.


Mein großes Kind mit dem festen Willen und dem feinen
Gesicht.

Wie wirst du sein wenn du erwachsen und älter bist als ich
jetzt? Wirst du dann in der U-Bahn Platz machen für eine alte Frau und
Lächeln? Wirst du selbst Familie haben, eigene Töchter und Söhne die dich immer wieder selbst in Frage stellen?


Ich fahre noch einige Stationen mit der schönen Dame vor mir
und halte inne.

Auf dem Nachhauseweg nehme ich deine Hand und du lässt sie mich
heute halten. Ich erzähle dir von meiner Begegnung und du drückst meine Hand
und sagst „Wer weiß schon ob es dann noch die U-Bahn gibt, Mama“, und vielleicht
ist genau das die einzige Frage die wir uns heute stellen sollten.
Alu

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