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Das musikalische Wochenbett #Gastpost von „Familienbetrieb“

Das musikalische Wochenbett

Das Wochenbett. Ein fast schon fiktiver romantisch verklärter Ort des Kennenlernens von Mutter, Vater und Kind, des Sich-Aneinander-Gewöhnens und des Ausruhens und der Erholung (Haha! Hier bitte hysterisches Lachen einfügen.). In erster Linie ist es charakterisiert durch Eintönigkeit, Ödnis und Langeweile. Was kann man während des Wochenbettes schon groß machen, außer Stillen, Windel wechseln und das Kind umkleiden? Ein wenig Abwechslung und Kurzweil kann da vielleicht ein wenig Musik verschaffen, die Körper und Geist stimuliert.


„Kinder an die Macht“ von Herbert Grönemeyer

Die Armeen aus Gummibärchen

Die Panzer aus Marzipan
Kriege werden aufgegessen
Einfacher Plan, kindlich genial

So sang Herbert Grönemeyer Mitte der 80er Jahre und das gesamte Lied zeugt von so viel Weltfremdheit oder gar Realitätsverweigerung, die nur den Schluss zulässt, dass der alte Ruhrpott-Nuschler damals noch keinen eigenen Nachwuchs und auch nie Kontakt zu irgendwelchen Kindern hatte. Denn Eltern mit Säuglingen lernen sehr schnell: Niemand hat mehr Macht über sie, als dieses erst wenige Tage zuvor auf die Welt gekommene kleine Geschöpf. Es bestimmt gnadenlos den Schlaf-, Essens- und auch Verdauungsrhythmus ihrer Erzeuger und schert sich dabei in keiner Weise um irgendwelche Tages- und Nachtzeiten und noch viel weniger um das Schlafbedürfnis seiner Eltern. Es ist ein Diktator mit Kulleraugen!



„Babysitter-Boogie“ von Ralf Bendix

Ich bin der Babysitter von der ganzen Stadt

Und weiß, dass eins der Babys schon ein Hobby hat
Es singt so gern den Babysitter-Boogie-Boogie-Song.

Mit einfältigen, paarreimigen Zeilen grub sich Ralf Bendix 1957 unerbittlich in die Gehörgänge der Deutschen ein und nie wieder raus. Insbesondere bei Jungeltern trifft man mit einem Lied, das sich thematisch um Babysitter dreht, ja durchaus einen Nerv. Ungefähr zwölf bis zweiundsiebzig Monate nach der Geburt eines Kindes denken Mutter und Vater langsam darüber nach, sich mal wieder in Zweisamkeit zu versuchen und auszuprobieren, ob sie noch die Kulturtechniken des Ausgehens, Restaurantbesuchs und des Filmanschauens in Lichtspielhäusern beherrschen. Dazu braucht es aber eine vertrauenserweckende und zuverlässige Person, die für das Wohl des von den Eltern zurückgelassenen Kindes sorgt. Ralf Bendix sollte es wohl eher nicht sein, möchte man doch nicht Gefahr laufen, dass das eigen Fleisch und Blut seinem musikalischen Terror ausgesetzt wird. Außerdem scheint er weniger an Babys als an jungen, propperen Müttern interessiert zu sein.
Und wenn auch keins der Babys mir gehört,

Ich lieb‘ das Girl, das täglich sie spazieren fährt,
Denn beide sind so mollig, rund und wohlgenährt.


„Abenteuerland“ von PUR

Komm mit

Komm mit mir ins Abenteuerland
Auf deine eigene Reise
Komm mit mir ins Abenteuerland
Der Eintritt kostet den Verstand

Die Leserinnen und Leser von „Große Köpfe“ werden sich (zu Recht) fragen, warum zur Hölle man sich im Wochenbett mit einem Lied der schwäbischen Schockmusiker namens PUR quälen sollte. Aus einem ganz einfachen Grund: Viele Säuglinge haben in den ersten Monaten starke Verdauungsprobleme und es will unten nicht immer so rausfließen, wie es oben reinläuft. Wer da mit Bäuchlein reiben und Beingymnastik bei dem verstopften Baby nicht weiterkommt und nicht pharmazeutisch nachhelfen möchte, kann unter Umständen mit dem Abspielen eines PUR-Lieds wahre Wunder erzielen und den Verdauungsstau auflösen. Ansonsten sind Kinder selbstverständlich tunlichst von solchen Musikstücken fernzuhalten, will man sich nicht leichtfertig dem Vorwurf der Kindesmisshandlung aussetzen.


„Das bisschen Haushalt“ von Johanna von Koczian

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein.“

Sagt mein Mann.
„Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein.“
Sagt mein Mann.
„Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann, ist unbegreiflich“
Sagt mein Mann.

Verse, die heutzutage jeden Scheidungsanwalt in Erwartung eines finanziell einträglichen Rosenkriegs in Verzückung versetzen, die aber 1977 als sozialkritische Satire daherkamen. Im Wochenbett erinnern sie daran, dass in den ersten Wochen nach der Geburt die biorhythmischen Bedürfnisse des neuen Familienmitglieds einen höheren Stellenwert als die Einhaltung sozial normierter Standards von Sauberkeit und Ordnung haben. Spätestens wenn sich aber die erste Verwandtschaft für eine Baby-Audienz ankündigt, sollten Jungeltern mit dem Kärcher oder einem Flammenwerfer durch die Wohnung gehen (notfalls mit Unterstützung eines professionellen Kammerjägers), um bei Tanten und Onkeln den Eindruck zu erwecken, man habe trotz kindlichem Schlafterror alles im Griff.


„Money’s too tight to mention“ von Simply Red

Money’s too tight to mention.

Oh, money money money.
We’re talking about money money.

Ob Simply-Red-Sänger Mick Hucknall 1985 bei diesem Lied das Schicksal von Privatinsolvenz gefährdeten Neueltern vor Augen hatte, ist nicht überliefert, aber nicht ausgeschlossen. Immerhin kostet die Erziehung eines Kindes bis zum 18. Lebensjahr ungefähr 130.000 Euro. (Das ist immerhin ein Porsche Cayenne mit diversen Sonderausstattungen.). Da lohnt es sich doch, die Zeit vor der Entbindung mit dem Ausfüllen von Elterngeldformularen, deren Komplexität die Rechenleistung des ultraschnellen Schachcomputers Deep Blue überfordert, zu verbringen. Und insbesondere mit der Recherche von Sport-Internaten, die sich auf finanziell lukrative Disziplinen wie Fußball, Tennis und Golf spezialisiert haben. (Verhindern Sie unter allen Umständen, dass sich ihr Kind in irgendeiner Orchideen-Sportart profiliert. Was nützt es Ihnen, wenn die Frucht Ihrer Lenden mehrfacher Weltmeister im Rhönrad-Turnen wird und Sie sich für teures Sportgerät in Unkosten stürzen müssen, ohne Aussicht auf irgendeine Form von öffentlichem Ruhm, der sich monetarisieren ließe.) Wenn die sportlich-finanzielle Karriere des Nachwuchses erst einmal vorbereitet ist, gilt es nur noch, einen Vertrag aufzusetzen, der den Eltern 80 Prozent der Einnahmen aus Preisgeldern und Werbemaßnahmen zusichert. (Bei dem Säugling gilt ein Fußabdruck als bindende Unterschrift.)


„Liebe Teil 2 – Jetzt erst recht“ von Judith Holofernes

Du sagst: „Komm, wir schieben heute alles

den Kindern in die Schuhe.“
Du sagst, ich sähe doch toll aus.
Ich sag: „Mann, lass mich doch in Ruhe.“

Mit einfachem Text und beschwingter Melodie thematisierte Judith Holofernes 2014, was so ein neuer Erdenbürger für die Eltern mit sich bringt: Neid, Konflikte und Zwietracht. Wie so ein Tullius Destructivus, der seinerzeit Streit und Missgunst in dem unbeugsamen und Widerstand leistenden gallischen Dorf von Asterix und Obelix säte. Wer ist in der Nacht länger mit dem schreienden Balg durch die Wohnung gelaufen? Wer hat häufiger die Windeln gewechselt? Und wer ist eigentlich dran mit dem Waschen der vollgespuckten Babykleidung? Selbst die harmonischsten Paare können von einem Säugling in die Arme von Paartherapeuten getrieben werden.

„Mein Apfelbäumchen“ von Reinhard Mey

Wenn alle Hoffnungen verdorr’n,

Mit dir beginn‘ ich ganz von vorn,
Und Unerreichbares erreichen, ja ich kann’s!
Du bist das Apfelbäumchen, das ich pflanz‘!

Na, da hat sich der Berliner Barde in den 80er Jahren ganz schön was zusammengefühlsduselt. Ein Kind soll ein Apfelbaum sein, den man pflanzt? Was für ein absurd groteskes Bild. Welcher Apfelbaum brüllt schon um 3 Uhr morgens in der Lautstärke eines Überschallflugzeuges, dass er gefälligst jetzt und unverzüglich etwas zu essen haben möchte? Und wenn ein Apfelbaum etwas größer ist, schmeißt er sich nicht in Supermärkten vor Süßigkeitsregale und schreit, als sei er von Dämonen besessen, damit er ein Überraschungsei mit Plastikspielzeug, an dessen Kleinteilen er ersticken könnte, bekommt. Gleichermaßen hängt ein Apfelbaum, wenn er das Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren erreicht hat, auch nicht picklig in seinem verdunkelten Zimmer ab, hört irgendeine psychedelische Depri-Mucke, antwortet nur noch in Ein-Wort-Sätzen (wenn überhaupt) und verströmt dabei den Geruch eines geschlechtsreifen Mufflons.
Trotzdem ein hübsches Lied. Möge euch K3 – so wie schon K1 und K2 – ein Apfelbäumchen sein, liebe Alu und lieber Konsti. Alles Gute!
Danke an Christian für die musikalische Begleitung der ersten Tage! Wer mehr vom Familienbetrieb lesen will, dem sei BLOG und BALDIGES BUCH (HIER VORBESTELLEN) sehr empfohlen.

Alu

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