Ich höre dir zu, du redest!

Ich war bei Sting. Gemeinsam mit älteren, gleichaltrigen und jüngeren Menschen haben wir ein Fan-Wohlfühlpaket erhalten. Zum Glück hat mir meine Frau die Karte geschenkt. Er spielte mit ziemlicher Freude seine Hits und ließ uns zwei Stunden dabei sein. Der Meister der Füllwörter wie Lololo usw. machte es uns leicht. Besonders eine kleine Anspielung auf den Brexit, die in dem Policehit „Message in a bottle“ endete, blieb mir im Kopf. Es ist die allzu oft gehörte dritte Strophe – die Auflösung der gesungenen Geschichte- die mich berührte:
Zusammen, allein im Gespräch.
„Walked out this morning, I don’t believe what I saw

A hundred billion bottles washed up on the shore

It seems I’m not alone at being alone

A hundred million castaways, all looking for a home” 



Nun gab es in der Vergangenheit traurige Groß- und Kleinereignisse. Neben Englands Weggangsvotum, den Anschlägen in Frankreich und Deutschland auch kleine Begebenheiten wie den Freitod eines wertgeschätzten Mannes – und mein Leben.
Dabei kommt mir auch im Hinblick auf meine Familienerweiterung ein Gedanke häufig in den Kopf gerutscht: Wir reden zu wenig. Das, was sicherlich für das Große zutrifft (mit Großbritannien hätte man auch ehrlicher reden sollen) stimmt umso mehr im Kleinen zu und das ist heute mein Thema.

Wir reden zu wenig.

Ich bemerke, dass im Bezug zu meinen Kindern und meiner Frau und meinen Freunden eines zu kurz kommt, das Reden. Dabei kommunizieren wir auf allen Kanälen aber das gehaltvolle, wertschätzende, gütige, abwägende, konstruktive, zuweilen kritische Gespräch – das was erhält und erst im Vertrauen erwächst das fehlt. Allzu oft haben wir Eltern nur den (mal mehr mal weniger) organisierten Alltag im Sinn.
Der Moment mit meinem Sohn auf der Bank in der Kita-Garderobe, der nicht davon geprägt ist, dass Papa los muss – der ist das Geschenk voller gütiger Zuneigung. Hier entsteht ein weiteres Stück Vater-Sohn-Vertrauen (zumal ich eigentlich gerade dann nie zu spät bin).
Die haben was zu besprechen.
Viel zu selten finden wir Menschen denen wir uns anvertrauen, oder suchen diese zu selten. Dabei kann es ganz verschiedene Ebenen geben. Mit einigen reden wir nahezu über alles oder könnten es – wenn wir uns die Zeit nehmen würden. Andere Menschen wiederum sind Begleiter eines Themas – weitere nur in einem bestimmten Zeitfenster. Gewiss ist sich anvertrauen schwierig, doch zeitweise sind es gerade diese verblüffenden Momente, wo ein Mensch auf der Straße mit drei Sätzen meine Schwingung genau erfasst hat oder die spontanen Gespräche in der Bahn, die erschreckend tiefgreifend und wahrhaftig sind (so viele wichtige Attribute wir hier, gebrauche ich sonst eher selten). Diese Gespräche können uns gefeit machen vor dem Schrecken der Nacht. Warum nur reden wir so wenig über all das herzzerreißend Schöne und Schlechte, wenn wir doch so viel sprechen? Wie selten kann ich über meinen Glauben reden, oder über den Tag, meist ist es von dem Diktat des „Tun-Müssens“ überflügelt, oder von digitaler Kommunikation.


Ich bin für Redezeiten, Debattierklubs, Flurgespräche auf Arbeit.

– denn aus Belanglosem Erzählen wird viel Ernsthaftes. Aug in Aug kommt man den Menschen nahe, besonders wenn die ehrliche Rede vom Mund zum Ohr dies unterstützt. Oh ich ahne schlimmes. Dies würde Beziehung bedeuten oder zumindest Verbindung. Und wer will heute schon Verbindlichkeit außer für sein 400 000€ Reihenhaus in Lichtenberg?
Dabei heiratet man nicht gleich jeden Menschen mit dem man gut reden kann. Man muss ihn nicht einmal wiedersehen, vielleicht ist sogar der Name unbekannt geblieben. Was zumeist bleibt ist ein warmes Gefühl und neue Gedanken.

Also: Redet!


Epilog: Ich und viele Gläubige haben vielleicht eine weitere Form gefunden, das Reden mit Gott. Aus der Resonanz des eigenen, zutraulichen Glaubens erwächst eine Wärme des Verstehens die keine egoistische Übung bedeutet, sondern ein Gegenüber.
In Gesprächen zu Gott, kann ich reden und ich höre besser: Erfahre.
Dann kann ich das Notebook zuklappen und in Frieden einschlafen. Denn ich bin nicht allein darin allein zu sein und brauche mich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten, noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt (nach Psalm 91.5, Teil der Komplet, dem Abendgebet der Kirche).
Konsti