Es liegt meterhoher Schnee an diesem Tag vor sechs Jahren, doch mir ist warm. Laut schreiend kommst du zu mir mein Kind, suchst dir deinen Weg meinen Bauch hinauf, lässt deinen Kopf auf mein Herz sinken. Du bist da, mein Wunschkind, mein Plankind, mein Herz.

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Wir sind zusammen, was haben wir für ein Glück.

Sechs Jahre später öffnest du leise die Tür zum Schlafzimmer, schon lange vorher habe ich dich im Flur gehört, deine Schritte sind immer noch tapsig auch jetzt noch. Du schlüpfst unter meine Decke, kuschelst dich an mich und fragst „Hattest du schon mal einen sechsjährigen Sohn Mama?“ Ich streichle deine wilden Haare und drücke meine Nase an dein Gesicht. „Nein mein Herz, du bist mein einziger Sohn.“ Wir liegen im Halbdunkeln und genießen den Moment. Deine kleine Schwester seufzt im Schlaf neben uns.

 Du bist mein einziger Sohn.

Du bist mein einziger sechsjähriger Sohn, mein einziger Sohn überhaupt und überraschst mich jeden Tag. Deine Gewitztheit macht den Tag etwas heller, deine Erzieherinnen preisen deinen Humor. Deine Kreativität hat manchmal bereits experimentelle Züge angenommen, der Maler freut sich jedes Mal über einen neuen Auftrag in dieser Wohnung. Deine Sturheit lässt mich an meine Grenzen kommen, wir streiten viel dieser Tage du und ich. Deine Frustrationsgrenze liegt niedrig, will dir etwas nicht gelingen dann tobst du wie ein Tiger, kämpfst gegen dich und andere in diesen Momenten.

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Immer neugierig, immer direkt.

An einigen Tagen drohe ich daran zu zerbrechen.

Wir reden viel darüber mit dir, sprechen mit den Erzieherinnen, suchen dir Ausgleich, Sport und immer
wieder neues Futter für deinen Kopf.  An einigen Tagen drohe ich daran zu zerbrechen an dir, an deiner Direktheit, „deiner Unmittelbarkeit“ wie der Ergotherapeut sie nennt. Ich bin dann müde vom Reden, vom Streiten, vom langsamen Zählen bis zehn bevor ich drohe zu explodieren. Wenn wir gestritten haben, nimmst du meine Hand und schaust mir tief in die Augen. Ich sehe meinen Großvater Walter in dir, meinen Vater und mich. Ich kann an einigen Tagen tief in meine Seele hineinschauen durch dein tiefes Blau.  Du redest ohne Punkt und Komma an vielen Tagen, es gibt kein Leer, keinen Stillstand mit dir. Wie ein Derwisch trudelst du dich von allein aus an einigen Tagen. Jede Nacht schläfst du bei deiner Schwester ein, willst hören und lesen und kuscheln. Du nennst sie „die Schönste“ und weinst wenn sie fort ist.

Du bist ein Geschenk – sagt dein Vater. Du bist mein Spiegelbild – sage ich.

Ich streichle dein Haar mein Sohn, ich drücke meine Nase in dein Gesicht. Wir sind zusammen unter dieser kuschligen Decke mein Sohn, geborgen in Wärme und Zuversicht. Vor sechs Jahren mein Sohn, da stand Aleppo noch, feierten Kinder dort ebenfalls den Tag ihrer Geburt, hielten die Hände ihrer Mütter und Väter fest. Sechs Jahre später liegst du in meinem Arm und woanders viele Leben in Trümmern.

Hattest du schon mal einen Sohn?

„Hattest du schon mal einen sechsjährigen Sohn Mama?“ „Nein mein Herz, du bist mein einziger Sohn, mein Kind, aber gerade heute an deinem Geburtstag denke ich auch an all die Söhne und Töchter die diesen Tag nicht mehr feiern können, die keine Betten mehr haben, keine Mütter und Väter mehr, deren Leben vergangen ist.“ Es ist der 14. Dezember 2016 mein einziger Sohn, mein Herz, wird heute sechs Jahre alt und ich weine.

Alu

Edit: Auch 2017 stimmen diese Zeilen noch immer. Erschreckend.

Spiegelbild