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Schulkind

Gastpost: Die Rechtschreibung, diese da ist herzlos

Der heutige kurze Text geht über
Herzlosigkeit. Herzlosigkeit in der Bildung. Und in der Rechtschreibung. Ich sage gleich, dass er
auf anekdotischer Beobachtung beruht, ich also keinen Anspruch auf
statistische Untermauerung erhebe. Warum ich die Sache dennoch zum
Thema mache, dazu am Schluss.
Herzlosigkeit also. Ein Mädchen denkt
sich eine wunderbare Geschichte aus, schreibt sie auf und trägt sie
der Mutter an Weihnachten als Geschenk vor. Die Mutter, allseits
literarisch und stilistisch bewandert, freut sich, ist ehrlich
begeistert, weiß – das unterstellen wir hier mal – den
Mutterstolz bei der Beurteilung der erzählerischen Qualitäten ihre
Kindes hintanzustellen. Prima Sache das. Wäre da nicht die deutsche Großmutter, die ebenfalls zugegen ist.
Die entblödet sich nicht, die extrem
mangelhafte Rechtschreibung anzuprangern, die das Manuskript des Mädchens auszeichnet. Schöne Geschichte, naja, aber. Großmutters Entsetzen mildert auch nicht der
sanfte Hinweis der Eltern, dass das Kind eine diagnostizierte
leichte Lese-Rechtschreibschwäche hat. Das kann man ja wohl üben. Wer nicht
recht schreiben kann, wer nicht richtig schreiben kann, des Texte sind nicht so ganz wirklich der Beachtung würdig –
dieses Verdikt drückt die vornehm-angeekelte Miene der Großmutter aus.Ein ‚glück bekommt das Kind die Diskussion nicht mehr mit, Es ist wieder im aktuellen Lieblingsbuch lesen gegangen.
Die Anekdote verweist auf die furchtbare,
formalistische Herz- und Gefühllosigkeit, mit der im Bildungsbürgerland an
Bildung herangegangen wird. Doch wer unter Schreiben vor allem
Rechtschreibung versteht, der entlarvt sich des Bildungsideals als
unwürdig, das er hochzuhalten vorgibt. Der hat nichts verstanden von
der Lust am Schaffen, vom Glück, Gedanken und Erdichtungen zu Papier
zu bringen und sie vorzutragen. Der ist verknöchert und herzlos. Denn er bewertet geistige Kompetenz
aufgrund rein formalistischer Kriterien.
Und jetzt zum Anfang. Wer glaubt,
solche Vorstellungen seien passé: Dem sei in Erinnerung gebracht,
dass es Bundesbanker gibt, die große Bevölkerungsgruppen als
erblich dumm abstempeln, weil ihre schulischen Leistungen zu wünschen
übrig lassen. Und die mit ihren Ergüssen Bücher füllen, die die geifernde
Bildungsbürgermittelschicht in Millionenzahl kauft.
Das muss aufhören. Sonst wird das
nichts mit der „Wissensgesellschaft“. Wozu schließlich gibt es
die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung?
Und beim nächsten Mal: Warum
Bücherlesen überschätzt wird.
Jost Burger

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1 Comment

  • muell
    4. Januar 2013 at 18:33

    Ich glaube wir brauchen endlich eine breiteres Verständnis von Bildung und Können. Denn diese aufklärerischen Ideale haben offenkundig auch die gesellschaftlichen Probleme nicht lösen können.
    Warum also G8 oder G-irgendwas oder Gemeinschaftsschule oder oder….? Breit-aufgestellt-sein sollte endlich nicht nur in Stellenprofilen oder Anträgen Eingang finden. Doch dazu vielleicht später mehr…

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