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Mit der Familie in Marokko, Teil 1

Mit Kindern nach Marrokko

Dann wiederum verging die Zeit und ich war eine Woche in Marokko.
Das ist ein muslimisches Land, in dem die Frauen unterdrückt werden,
keine Demokratie herrscht und alle korrupt sind. Wie erstaunt war
ich, als am Flughafen unsere Pässe von einer geradezu lichtenbergesk
aufgemachten Großmatrone geprüft wurden. Ich beschloss, all meinen
Vorurteilen freien Lauf zu lassen, in der Hoffnung, sie bei jeder
Gelegenheit widerlegt zu sehen. Bald ließ ich auch das sein und
freute mich einfach an den freundlichen, unaufdringlichen Menschen.
Und daran, wie sie in einem Land, das so sehr draußen lebt, die
Kunst der Unterscheidung zwischen Privatleben und Öffentlichkeit
beherrschten. Ich hatte ja Berlin vor Augen, eine Stadt, die sich wie
keine zweite einen trockenen Kameldung um Begrenzungen schert, in der man ohne
weiteres in Unterwäsche auf die Straße gehen kann und in der das
viele auch tun, behauptend, das trage man jetzt so. 

Alles gefälscht. Fotot J.Burger

Am deutlichsten wurde das beim Handeln, vulgo Feilschen. Einkaufen im Souk war auch
für mich bislang immer das schaurig-schöne Highlight gewesen in
Ländern, die mit Preisauszeichnungen nicht so viel anfangen können.
Einkaufen im Souk muss man ja, sonst ist man nicht dagewesen,
zugleich fürchtet (und verachtet) man natürlich diese Händler, die
einen alle übers Ohr hauen und die richtig guten Sachen unterm
Basarhocker für ein Zehntel an ihre einheimischen Kumpels verticken.
Daher der Hang des Deutschen zum Verbraucherschutz. Irgendwas muss
der Staat schließlich unternehmen gegen Bio-Bananen mit braunen
Flecken und Flachbildfernseher, die Gluten enthalten.
Korrupter Korbverkäufer. Foto J.Burger
Der Souk in Marrakesch ist jetzt von staatlichem Ordnungsdenken
nicht so durchdrungen, was dazu führt, dass die Menschen in ihrem
Hang zur Selbstorganisation die Regeln nicht nur selbst machen,
sondern sie auch souverän beherrschen. Und da kommt die Sache mit
dem Privaten und dem Öffentlichen ins Spiel. Jedes Straßenkind dort
weiß, dass ein Verkaufsgespräch kein netter Plausch zwischen
Freunden ist, da kann noch so viel süßer Tee ausgeschenkt werden.
Es würde aber niemand auf die Idee kommen, das Lächeln eines
Händlers als falsch zu bezeichnen. Es ist einfach das richtige
Lächeln eines Menschen, der weiß, dass jetzt ein schönes,
respektvolles Spiel beginnt, an dessen Ende idealerweise alle
zufrieden sind.
Jugendverderber. Foto J.Burger
Wer an das ostentative „Ehrlichsein“ der Deutschen (und vieler
anderer Europäer) gewohnt ist, kommt damit natürlich nicht klar. Wo
es akzeptabel ist, auf die Frage nach dem Wohlergehen ein ehrliches
„Beschissen!“ hinzurotzen, da gibt es auch keinen öffentlichen
Raum des zivilisierten Umgangs. Da wird eben auch ein Klamottenladen
zur Arena der schlechten Laune, in der jedes Verkäuferlächeln als
gekünstelt und als dem schnöden Mammon geschuldet gilt.
Zwischenzustände, komplexe diskursive Situationen können wir nicht
aushalten.

Die Leute in Marrakesch schon.
– Demnächst, und rechtzeitig zur Wahl, also morgen, der zweite
Teil und was das alles mit dem Tempelhofer Feld zu tun hat –

Jost Burger

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