Mit der Familie in Marokko, Teil 2 - Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Uncategorized

Mit der Familie in Marokko, Teil 2

Mit Kindern in Marokko

Die Leute in Marrakesch also, die halten was aus beim Handeln: Wenn da einer
sagt, er könne seine siebzehn Kinder nicht ernähren, wenn alle so
schlechte Preise böten, dann kann man ihn als bösen Lügner
verachten. Man kann ihn aber auch grinsend einen Schlawiner nennen
und darauf hinweisen, man selbst habe daheim neunzehn Mäuler zu
stopfen.

Alles Tinnef. Foto J.Burger
Respektvoll lächeln ist überhaupt das wichtigste. Vielleicht
könnte man das auch Necken nennen, diese hohe Kunst des
respektvollen Frotzelns mit einer gehörigen Portion Bauernschläue.
Manche Kartenspieler beherrschen es, viele Bayern meinen es, wenn sie
über jemanden sagen: „A Hund is er scho!“ Ich muss auch sagen,
dass es Männer besser können als Frauen. Männer hauen sich
auf den Kopf und gehen danach ein Bier trinken. Eine große Ausnahme
ist meine werte Ehefrau. Sie kommt aus Bayern, was seit jeher nicht
so richtig zu Deutschland gehört.Von ihr habe ich im Urlaub das
Aushalten gelernt.

Aushalten, ohne mit der Wimper zu zucken ein Viertel des Preises
zu fordern und nach zwei weiteren Runden einfach wegzugehen, im
sicheren Bewusstsein, dass der Händler (ja ja JA,
es sind immer Männer) schon hinterher gerannt kommt, und die Sache
zum gewünschten Preis verkauft. Das würde er niemals tun, wenn er
dabei keinen Gewinn macht. Womit dann alle zufrieden sind. „Wie ein
Berber“ handele sie, das raunte man mir zu, während ich – nach
dem Hinweis, bei uns mache die Frau die Geschäfte – freundlich
lächelnd Desinteresse an der Auslage heuchelte.
Schlimm: Investorenbuden.

Foto: J.Burger
Dass die eklatante Herabsetzung eines ganzen Volksstammes schon so
manche (in der Regel unziemlich gekleidete) Rucksacktouristin zur
Gründung einer Bürgerinitiative gegen Rassismus, Imperialismus und
die Unterdrückung der Frau veranlasst hat, kann man sich leicht
vorstellen. Wie ein Berber handeln zu können, gilt in Marokko
allerdings eher als Kompliment. Die halten eben was aus, könnte man
sagen.
Am Sonntag, als morgen, wird in Berlin darüber abgestimmt, ob die
Stadt endgültig in die Hände wüster Investoren fällt, die
rücksichtslos jeden Freiraum zerstören und uns alle für immer
unter die Knute des internationalen amerikanischen Finanzkapitalismus
bringen. Oder ob wir weiterhin ungestört in beschissenen Klamotten,
inmitten unerzogener Kinder, im festen Glauben an eine immerwährende
Pubertät, die sich einen Dreck schert um Respekt und persönliche
Grenzen, auf dem Tempelhofer Feld Kindergarten spielen können.
Spekulant. Foto: J.Burger
Ich wünsche mir wirklich, dass ein bisschen mehr Abstand zum
Selbst, ein bisschen weniger Launenhaftigkeit, ein wenig mehr
freundliche Distanz zu den Dingen herrscht in dieser Stadt. Man
könnte dann entdecken, dass die Welt gar nicht so bedrohlich ist,
dass man nicht immer um sich schlagen muss, und dass zwischen den Menschen
auf diese Weise so etwas wie echte Solidarität entstehen könnte.
Von mir aus auch gegenüber dem amerikanischen Finanzkapitalismus.
Jost Burger

You Might Also Like...

No Comments

    Leave a Reply