Über Pussy Riot und Herrn Schorlemmer - Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Uncategorized

Über Pussy Riot und Herrn Schorlemmer

Übersetzungshilfe von Herrn
Schorlemmer
Eine kommt frei, zwei gehen ins
Straflager (und zwar jene mit den kleinen Kindern): Am Mittwoch wurde
das Urteil im Berufungsprozess um die russische Punkband Pussy Riot
verkündet, die im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale
eine kaum einminütige Einlage als Performance-Künstler gaben, um
gegen das Putin-Regime und auch gegen die Verquickung der
russisch-orthodoxen Kirche mit den Chargen im Kreml zu demonstrieren.
Wegen „religiösen Rowdytums“ wurden sie jetzt verknackt.
So weit, so traurig. Doch selten ein
Schaden ein Nutzen dabei, wie es im Mährischen heißt. Denn nun hat
die Lutherstadt Wittenberg die Pussy Riots als Preisträger für den
im kommenden Jahr zum neunten Mal von den deutschen Lutherstädten
vergebenen Preis „Für das unerschrockene Wort“ vorgeschlagen.
Worauf sich Zustimmung, aber auch Widerstand regte, und es ist eben
jener Widerstand, der den Nutzen in Form von zivilisationserhellender
Aufklärung trägt. Wobei die ganze Sache mit der Aufklärung wenig
zu tun hat.
Widerstand kam zum Beispiel von der
Wittenberger Lokalpartei „Allianz der Bürger“. Laut
Mitteldeutscher Zeitung sieht ihr Fraktionsvorsitzender Heiner
Friedrich List die Frauen als „chaotische Weiber, die vermummt in
eine Kirche eindringen, sich diskriminierend und beleidigend äußern“.
Auch Friedrich Schorlemmer, Ex-DDR-Bürgerrechtler und
Ex-Großtheologe, macht sich der Leipziger Volkszeitung gegenüber
Sorgen wegen der Moral. Der Text des von den Pussy Riots
vorgetragenen „Punk-Gebetes“ enthalte allerlei „Schweinereien“,
und was den Namen der Band angeht: „Man muss ihn nur mal exakt
übersetzen. Pussy Riot klingt dann sehr anstößig und unanständig.”
Kurzum: “Eine Lutherstadt sollte keine Gotteslästerung ehren.“
Und Siegfried Kasparick, Landes-Beauftragter der Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland für Reformation und Ökumene, meinte im selben
Blatt, der Auftritt der Frauen in der Christ-Erlöser-Kathedrale habe
Menschen und ihre religiösen Gefühle tief verletzt.
Schlimm, all diese Christen in der
Moskauer Regierung, deren Gefühle jetzt verletzt sind. Es tut halt
weh, wenn eine Punkband gegen die Verbandelung einer Großkirche mit
einer lupenrein gelenkten Demokratie protestiert. Wir fragen uns
allerdings, wie vielen Christen Martin Luther wohl die hehren Gefühle
verletzte, als er seine Thesen unters Volk brachte – und das, indem
er sie an eine schwer verletzt ächzende Kirchentür nagelte!

Die Aufklärung, die die Sache in sich
trägt, liegt – um mal zu Potte zu kommen – nur zum Teil in der
Erkenntnis, dass sich auch im Jahre 2012 unsere
christlich-jüdisch-abendländische Gesamtheilsreligion jederzeit vor
den Karren eines mörderischen Regimes spannen lässt. Das wussten
wir schon.
Nein. Schorlemmer hat es für uns auf
den Punkt gebracht. Nur mangelernährte Widerstandstheologen dürfen
den Staat innerhalb des kirchlichen Raumes kritisieren. Zur Not
können noch später als Minister dienende Langbartträger
Jeansgottesdienste in der Samariterkirche in Friedrichshain abhalten.
Aber junge hübsche Frauen mit einer großen Klappe,
Anpassungsproblemen und einem versauten Bandnamen haben kein Anrecht,
eine machtgeile Staatskirche im Angesicht des Herrn zu kritisieren.
Das sind nämlich Hexen. Und die gehören verbrannt.
Jost

You Might Also Like...

1 Comment

  • Konstantin
    12. Oktober 2012 at 16:24

    Wow, am besten finde ich "Großtheologe".
    Ansonsten ist die Sache traurig und deine Gedanken anregend!

Leave a Reply