Wochenberliner: Leo Wohleb (Teil I) - Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Kulturleben Wochenberliner

Wochenberliner: Leo Wohleb (Teil I)

Aus vergangener Woche noch gegebenem Anlass könnte man sich heute in einem gehässigen kleinen Nachschlag mit dem Leben Wolfgang Thierses beschäftigen und dabei seinen Geburtsort Breslau in den Vordergrund stellen. Aber erstens haben das alle anderen schon getan, und zweitens reicht ein Schlesier in diesem Blog ja wohl aus. Die von vielen beklagte „Ethnisierung der Gentrifizierungsproblematik“ aber, bei der würden wir gerne mitmachen. Schon allein, weil das so viel eleganter klingt als die nach uns zugezogenen Zugezogenen brutal als Schwaben zu bezeichnen, die bitte alle wieder heim gehen sollen.
Beklagenswerterweise werden in Berlin als Schwaben mitunter wenn nicht alle später Hinzugekommenen, so doch in der Regel alle Menschen bezeichnet, die aus Baden-Württemberg stammen. Das liegt daran, dass für die wenig feinen Ohren der Brandenburger, Schlesier und Ostpreussen, die sich seit vielen Jahrzehnten und oft über Generationen hinweg als Berliner bezeichnen, all die verschiedenen, subtilen und wunderbar klingenden Dialekte nicht unterscheidbar sind, die zwischen Karlsruhe und Weil am Rhein, zwischen Meersburg und Leonberg gesprochen werden.
Das ist insofern schlimm, ja, fast grauenhaft, weil so das zarte Volk der Badener in einen Topf mit ihren Erzfeinden, die den württembergischen Teil bewohnenden wirklich sehr groben Schwaben, in einen Topf geworfen werden. Für weniger Gebildete wird das wenig tragisch klingen, schließlich vermag ja auch kaum einer das Hallenser Gejammer vom Leipziger Geknödel, geschweige denn vom Jenaer Herumöiern zu unterscheiden.
In Wahrheit jedoch haben wir es hier mit einer Tragödie äonischen Ausmaßes zu tun, mit der Schmähung eines der von der Geschichte am schrecklichsten misshandelten deutschen Volksstammes: eben jenen tapferen Badenern.
Es hätte auch anders gehen können! Wäre es bei der Volksabstimung 1952, als die Bewohner der von den Allierten als künstliche, ja ahistorische Gebilde geschaffenen drei Staaten Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern über die Vereinigung zu einem Südweststaat abstimmten, mit rechten Dingen zugegangen, so wäre Baden bis heute ein eigenständiges Bundesland in den großherzoglichen Grenzen von 1933. Macht, Glanz und Größe dieses herrlichsten aller deutschen Länder blendeten die Welt. Unsere Weine, unsere Universitäten, unsere braven Pfarrersfamilien und natürlich die BASF überstrahlten alles. Und niemand dort fühlte sich angesprochen, wenn die Breslauer Berliner über die Schwaben lästerten – dass man den Sauschwaben nicht trauen kann, das wussten wir schon immer.
So aber: tja.
Und nächstes Mal Teil zwei des Wochenkopfes über Leo Wohleb, geboren 1888 in Freiburg, gestorben 1955 in Frankfurt am Main (das aber nur aus Versehen), des ersten und einzigen Staatspräsidenten des Landes Baden, der Zeit seines Lebens für die großbadische Sache kämpfte, dafür von der Geschichte nicht geliebt wurde (außer von den Badenern selbstverständlich) und der es vermochte, mit seiner Biografie eine mindestens 54-prozentige Schnittmenge mit wichtigen Charakterzutaten der beiden Großen Köpfe zu bilden. Außerdem bewahre ich eine von Leo Wohleb eigenhändig unterzeichnete Ehrenurkunde auf, die meinem Urgroßvater, glühender Badener, für Verdienste um das Vaterland verliehen wurde. Wenn das kein Anlass ist.
Jost Burger

You Might Also Like...

No Comments

    Leave a Reply