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Kulturleben Wochenbuch

Wochenbuch: Thomas Bauer

Der aktuelle Papst hat’s nicht so mit der Relativität (der Wahrheit). So stellt es sich zumindest dem Laien dar. In dessen Ohren schallt es aus dem Vatikan: Es gibt eine Wahrheit, die hat die katholische Kirche, und, Leute: Jetz glaabt’s des hoit amoi! Klingt komisch? Ist auch komisch. Und wenige Menschen nehmen es ernst.
Vor allem Christen nicht. Denen ist klar, dass auch religiöse Wahrheiten verhandelbar sind. Solange es sich ums Christemtum handelt.
Sobald es um andere Religionen geht, sieht das mit dem Relativitätsverständnis schon anders aus. Da ist dann plötzlich die Rede von „dem Islam“, der unveränderlich und stets gleich über die Welt kommt. Der Ambiguitäten – anders als das tolerante Christenum – nicht wahrhaben will noch erträgt noch existieren lässt.
Dieser bequem eindeutige Islam ist dann immer der Böse Islam. Der mit der Steinigung, der Frauenunterdrückung und dem Fanatismus. Sprich – ein Islam, der dem Geistesleben Bayerns in den Siebzigern gleicht: Es gibt nur eine Wahrheit, Widersprüchlichkeiten und Zweideutigkeiten sind des Teufels.
Dass diese Sicht auf den Islam schlicht falsch ist, zeigt Thomas Bauer in seinem großartigen Buch „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“. Der preisgekrönte Islamwissenschaftler beschreibt in seinem wunderbar lesbaren, zugleich intellektuell zutiefst befriedigendem Text, dass die islamische Kultur über viele Jahrhunderte hinweg – durchaus im Gegensatz zur „christlich-abendländischen“ Kultur – geradezu eine Liebe zur Ambiguität, zur friedvollen Koexistenz von Uneindeutigkeiten, zur Lust am „Aushalten“ und der Balance zeigte.
Warum das heute anders ist: Man lese das Buch. Die Kernthese sei schon hier verraten: Erst die westliche Lust an der Eindeutigkeit, die Sucht nach dem Nicht-Ambigen, führte im Verlauf der Kolonialisierung und Unterdrückung der islamischen Welt zu den reaktionären Zuständen, die wir heute kennen. Das mag man anders sehen. Den Blick auf eine völlig andere islamische Welt zu öffnen: Dieses Verdienst bleibt dem selten sachkundigen, selten lustmachenden Buch auf jeden Fall erhalten. Ein Stolperstein im besten Sinne, auf der weiten, öden Ebene des als „Islamkritik“ getarnten religiös verbrämten Fremdenhasses.
Jost Burger

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