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Kulturleben Wochenbuch

Wochenbuch: Lesen ist überschätzt?!

Die Neunziger. Wer damals schon gearbeitet hat, und dazu noch „was mit Medien“ machte – das bedeutete in jener Zeit oft noch: „bei ’nem Verlag“ – der wird sich an die Kampagnen erinnern, die die Stiftung Lesen fuhr. Ex-Bundespräsidenten wurden aufgefahren, um das Abendland vorm Untergang zu bewahren. Denn nichts anderes wurde beschworen. Echte Argumente gab es nicht – klar war nur, die Leute lasen weniger, also musste was passieren.
Klar war vor allem auch: Die Buchverlage verkauften weniger Bücher. Es ging um die eigene Haut, da schien es vertretbar, das Bürgertum mal so richtig am Schopf zu packen und den Lesegötzen mit Unbill drohen zu lassen. Was auch klappte, Reflexe sitzen tief. Eine zeitlang galt es, LESEN immer nur in Großbuchstaben zu denken, Kinder, die nicht in der Woche fünf Bücher verschlangen, wurden verloren gegeben. Musste eine Stadtbücherei schließen, war die Freude groß, brachte sich daraufhin die Hauptbibliothekarin um, denn das diente der propagandistischen Sache. LESEN, und zwar vor allem BÜCHER LESEN, war ein Wert an sich.
Die Stiftung Lesen – und Hunderte weitere Initiativen – gibt es nach wie vor. Das Internet und diversen Offspring aber auch. Bücher? Hey, also, da könnte ein Paradigmenwechsel stattfinden.  Plötzlich geht es um die „Lesekompetenz“ als Grundlage von Partizipation und Bildung. Klar, im Internet kommt nicht weit, wer nicht lesen kann. Die Einsicht setzt sich durch, dass Lesen in erster Linie der Informationsaufnahme dient und verdammt praktisch ist, will man die ÖPNV in einer fremden Stadt begreifen.
Und dennoch: geistert duch die Texte all dieser Lesewerkstätten, Stadtteilbibliotheken und sonstigen Inis (kennt noch jemand den Ausdruck „Ini“?) die erschaudernde Verneigung, die jungmädchen-nasshöschenhafte Anbetung des BUCHES. Das es zu LESEN gilt. Da wird fröhlich postuliert, dass nur das Lesen von Büchern die Fantasie anrege. Dass Lesen den Wortschatz erweitere. Dass Lesen bilde! Aber, wie gesagt, nur solange es sich um Bücher handelt.
Das. Ist. Lächerlich. Wer schon mal erlebt hat …
in welche Fantasiewelten Kinder abtauchen, die stundenlang mit Lego spielen …
was Theaterspielen und Theaterausdenken in Kindern auslöst …
zu welchen Höhenflügen Musizieren führt …
wie ein sprachentwicklungsverzögerter Bub traumhaft sicher die kompliziertesten 3D-Puzzles löst …
oder wie ein brillanter Kardiologe das Leben deines Kindes rettet, der nach eigener Aussage in seinem Leben keine zehn Bücher gelesen hat ….
der lacht über all die bemühten, ängstlichen, pusseligen, schwachbebeinten Nachbeter einer bürgerlichen „Lesekultur“, die nichts anderes ist als die Vergötzung einer mess- und überprüfbaren Kulturtechnik, die ebendrum zum Maßstab menschlicher Entwicklung gemacht wurde. Weswegen bis heute abweichende Kompetenzen geächtet sind.
Hört doch mal auf mit dem Scheiß. Wenn euer Kind lesen kann, aber Bücher doof findet – so what?! Das Begleitbuch zu meinem alten Kosmos Elektronikkasten umfasste 50 Seiten konzentrierte Information. Hab ich damals, als 10jähriger Junge, alles gelesen. Goethe bis heute eher nicht.
Und beim nächsten Mal: Warum ich Hausaufgaben gut finde.
Jost Burger

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2 Comments

  • Konstantin
    21. Januar 2013 at 19:48

    Liebster Jost, vlt. wird das Lesen ja wirklich überschätzt, aber bring meine Gilde nicht in noch mehr in Schwierigkeiten. Im Übrigen sind teilweise Anregungen für die Fantasie immer gern gesehen (und mir gehen Hörspiele etc.sowas von auf den Keks..).Deine Buchhändlerfreundin

  • Konstantin
    21. Januar 2013 at 20:23

    Liebe Anne, och, wie gesagt, die Stiftung Lesen gibt's ja immer noch. Und E-Books muss man ja auch lesen ;-). Und zudem gibt's ja immer noch Harry Potter …

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