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Kulturleben Wochenbuch

Wochenbuch: Stille Zeile sechs von Monika Maron

Was hättest du getan? Oder: Wie hältst
du es mit der Bildung?Monika Maron

Heute kein Nachschlagewerk, sondern ein
Roman – weswegen ich es als Sachbuch vorstelle, dazu gleich.
„Stille Zeile Sechs“ von Monika Maron ist kein unbekanntes Buch,
galt Marcel Reich-Ranicki etwa als Werk, das ein Jahrhundertproblem
darstelle, und als „Gleichnis, das weit über sich hinausweist“.
Es geht um die Geschichte einer Frau Anfang Vierzig, die eines Tages
beschließt, ihren Posten in einem Ostberliner wissenschaftlichen
Institut aufzugeben und fürderhin nicht mehr gegen Geld für andere
zu denken. Sie entzieht sich der dem realen Sozialismus so eigenen
Entfremdung von der Arbeit – und muss doch die Erfahrung machen,
dass das für einen intelligenten Menschen unmöglich ist. Denn als
sie einwilligt, als Stenotypistin einem verdienten Genossen bei der
Abfassung dessen Memoiren behilflich zu sein, hält sie die zunächst
beschlossene Trennung von Geist und Kopf – es sollte ein rein
pragmatischer „Job“ sein, bei dem es nur ums Tippen geht –
nicht lange durch. Der hochdekorierte Parteisoldat steht für alles,
worunter sie im System DDR litt und leidet – vom proletarisch
verdrucksten Zugang zu Bildung, über die Fortführung autoritärer
und faschistoider Unterdrückungsstrukturen in der DDR bis zur
Inhaftsetzung eines ihrer besten Freunde Jahrzehnte zuvor.
Schließlich treibt sie aus Wut, Zorn und moralischer Entrüstung den
schon vom Schlaganfall Gezeichneten in einen weiteren Anfall, der zu
seinem Tod führt.

Stille Zeile Sechs

Viele lesen „Stille Zeile Sechs“
offenbar als Abhandlung zum Thema der persönlichen Schuldfähigkeit
innerhalb der großen geschichtlichen Zusammenhänge im Europa des
20. Jahrhunderts: Was hättest du getan? Der vom Proletarier zum
hohen Genossen Aufgestiegene handelt auch in seinen objektiv
unmenschlichen Taten von einer moralischen Warte aus, die den Preis
ebendieser Handlungen rechtfertigt. Ist er also wirklich schlechter
als die Protagonistin, die ihn – ja, umbringt, weil sie ihn und
seinesgleichen als Feinde der Freiheit, der Liebe, der Menschheit
betrachtet, so wie der alte SED-Kämpe die Nazis, ihre vermeintlichen
Wegbereiter und Nachfolger als die großen Feinde betrachtete?
Ich jedoch habe in dem Buch die Antwort
auf eine ganz sachliche Frage gefunden und empfehle es deshalb auch
als Sachbuch. Der entscheidende Satz war für mich: „Es war unsere
Bildung!“ Geäußert von dem alten Mann auf die Frage, warum die
DDR gerade auf Menschen so allergisch reagierte, die nach einem
Studium in Ostdeutschland in den Westen flohen. Diese Menschen nahmen
den aufgestiegenen Proletariern, äußerst misstrauisch, nachtragend
und ohne jede Versöhnung in ihren Minderwertigkeitserfahrungen, die
gerade erst eroberte und den Bürgerssöhnchen quasi „abgenommene“
Bildung wieder weg. (Egal, ob Teile der sozialistischen Elite selbst
aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, die Familie Gysi ist nur
ein Beispiel.) Umso unerbittlicher galt es, diese Diebe am
sozialistischen Bildungseigentum zu verfolgen. Ein Eigentum, das man
immer nur in seiner äußeren Manifestation erfuhr: Man war und blieb
draußen. Für mich erklärt das auch die
instrumentell-formalistische, wissensbasierte Vorstellung von
Bildung, der ich bis heute in ostdeutschen Institutionen begegne. Es
ist eine sich an Formalien orientierende Aufsteigermentalität, die
sich ihres Ankommens nie sicher wurde, und die ich von meinem
Schwarzwälder Großvater kenne: Mit 14 in die Uhrmacherlehre, auf
dem zweiten Bildungsweg zum Ingenieur geworden und Zeit seines Lebens
der misstrauische Tagelöhnerenkel, dem das Leben denn auch
konsequent alles wieder nahm, was es ihm zuvor karg zuteilte.

Bildungswege

Die Nachfahren meines Großvaters
können sich im Gefühl des im westdeutsch-bürgerlichen
Angekommenseins sicher sein, auch durch die breiten Einflüsse seiner
Schwiegersöhne aus diesen Sphären. Den verunsicherten Aufbauhelden
der DDR stand niemand mehr bei, da war die Wende vor, und ihre Söhne
und Töchter waren bis zum Jahr 1990 in eben jener entfremdeten
Inselintellektualität gefangen, und eben darum geht es ja in dem
Roman von Monika Maron, der übrigens 1991 erschien, drei Jahre
zuvor war sie nach Westberlin übersiedelte. Die bis heute spannende
Frage ist: Was ist zur Frage der Bildung, was zu Frage des
„Bildungsbürgertums“ in Deutschland heute zu sagen – und
spielt die deutsch-deutsche Geschichte hier überhaupt noch eine
Rolle?
Jost Burger

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