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Wochenbuch: This Thing of Darkness; Harry Thompson

This Thing of Darkness – Harry Thompson

Große Männer und große Frauen kommen in den seltensten Fällen ohne Unterstützung zu Ruhm. Adam brauchte Gott, Faust sein Gretchen, Jesus wahlweise Herodes, Pilatus oder den heiligen Geist, die Kanzlerin ihre Büroleiterin und Alice Schwarzer, naja, aufopferungsvolle Jungredakteurinnen? Die in der zweiten Reihe sind Schöpfer, Anschieber, Antipoden, Kampfgefährten, hingebungsvolle Diener, Opfer, geliebte Feinde.
Ich würde heute gerne ganz kurz den Blick auf einen Mann lenken, der im Wortsinn Führer und Träger eines anderen war, obwohl er jenem in den entscheidenden Fragen nach unserer Existenz diametral gegenüberstand. Die Rede ist von Robert FitzRoy, geboren im Juli 1805 in England, gestorben durch die eigene Hand im April 1865. Er war britischer Marineoffizier, für kurze Zeit Gouverneur von Neuseeland und gilt als Begründer des englischen Wetterdienstes. Vor allem aber war er der Kapitän der HMS Beagle, eines britischen Forschungsschiffes, das sich sich 1831 (übrigens zum zweiten Mal) anschickte, das südliche Amerika zu kartografieren. Mit an Bord war der 22-Jährige Charles Darwin, ein Mann, der bis heute in gewissen gar nicht so kleinen Kreisen für Ärger sorgt. Auf der Fahrt mit der Beagle sammelte Darwin die Fakten, die ihm später zur Formulierung seiner Evolutionstheorie dienen sollten.
Während der fünf Jahre dauernden Fahrt entspann sich eine schwierige Freundschaft zwischen den beiden Männern FitzRoy und Darwin, die jeder für sich die alte und die neue Sicht auf die Welt verkörperten. FitzRoy war eingefleischter Christ alter christlich-abendländischer Schule; Darwins Überlegungen waren ihm, gelinde gesagt, ein Greuel. Doch mit seiner Reise und dem Transport Darwins an dessen theoriebildenden Orte schaufelte FitzRoy seinem Weltbild das Grab. Ein Sinnbild der Ironie: Er ist einer jener in der zweiten Reihe der Geschichte, die das Geschick der Menschheit in eine Richtung lenkten, die den eigenen Überzeugungen im höchstmöglichen Maße entgegenliefen.
Darwin machte, nachdem die Beagle 1836 wieder in England gelandet war, in all seiner Umstrittenheit Karriere. FitzRoy hingegen erlangte durchaus eine gewisse Berühmtheit als Meteorologe und gilt als Vater der marinen Wetterbeobachtung, seinen Zeitgenossen war er jedoch Objekt des Spottes ob seiner vielen falschen Wettervoraussagen. Trotz wissenschaftlicher und militärischer Ehrungen fühlte er sich verkannt und setzte verbittert seinem Leben selbst ein Ende.
Harry Thompson, ein viel zu früh verstorbener englischer Fernsehproduzent und zugleich Verfasser sensibler Porträts historischer Persönlichkeiten, hat FitzRoy in seinem 2005 erschienenen Buch „This Thing of Darkness“ ein wunderbares Denkmal gesetzt. Getarnt als Reisebericht von der legendären Fahrt der Beagle, zeichnet das leider nur auf englisch erhältliche Buch das Bild eines sensiblen, zwar klinisch depressiven, aber im allerbesten Sinne idealistischen Mannes, der einfach nicht von seinem Pfad abweichen konnte. Der aber auch spürte, was wir Heutigen über ihn sagen würden: Auch wenn es ihm Leiden verursachte – sein Leben in der zweiten Reihe der Geschichte hat unser aller Leben entscheidend verändert. Und, wie ich als alter Atheist vermerken muss, zum Positiven. Zum Trost sitzt FitzRoy bestimmt an der rechten Seite seines Herrn.
This Thing of Darkness
Harry Thompson
Headline, London 2005
ISBN: 978-0755302819
Jost Burger

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