Das Gefühl wie meine Mutter meine Wange streichelt – was bleibt von Kindheit?

Ich renne über die Wiesen hinter dem Haus und sammle die Mirabellen ein. Wenn ich nach oben blicke, kann ich am Fenster meine Mama sehen. Ich darf allein, nach der Kita, nach Hause gehen. Auf dem Weg sehe ich meine Mama aus dem Fenster winken. Ich fahre mit meiner Freundin im Bus zur Tanzstunde, ich bin fünf Jahre alt.

Ich bin frei.

Ein freies Kind inmitten der Berliner Großstadt.

Wenig Autos, immer die gleichen Nachbarn. Man kennt unsere Kinderbande im Prenzlauer Berg. Wir wissen vor welchem meckernden Nachbarn (Fusselbirne) wir uns hüten müssen und wer uns den abgeschnittenen Flieder am Straßenrand abkauft.

Meine Kindergartenfreundin und Ich.

Ich gehe mit immer den gleichen Kindern zur Schule (über eine große Straße) und zurück. Am Nachmittag passt meine große Schwester auf mich auf (die mäßig genervt ist), oder unsere Großeltern begleiten mich. Wenn ich sauer bin, verstecke ich mich unter dem schwarzen Schreibtisch meines Vaters.

Meine Kindheit ist frei und doch geregelt

An meinem Geburtstag sind scheinbar immer Ferien. Mein Vater nimmt sich meistens frei. Wir essen Torte. Vor meiner Einschulung sind die Tage voll. Meine Mama bricht sich den Arm, Männer mit Mänteln und Hüten schauen an dem Tag vorbei als auch die Lehrerin zum Gespräch kommt. Die Atmosphäre ist seltsam. Meine Omas sind beide zur Einschulung nicht da. Eine ist gerade, die Andere vor einiger Zeit nach Westberlin gegangen, die Familie war nicht informiert.

Meine Kindheit ist frei und doch geregelt.
Meine Eltern legen Zeiten fest zu denen ich daheim sein muss. Selten übertrete ich diese
Zeiten, ich respektiere das. Dafür lassen sie mir viel Quatsch durchgehen.
Da gab es dann Farbfilm.
Ich habe recht viele Unfälle als Kind und bin ein gern gesehener Gast im Krankenhaus. Ich stolpere über eine Mauer und komme mit Gips nach Hause. Ich packe meine Füße in die Speichen. Ich habe mehrfach Krücken als Kind. Ich komme ständig mit Sommerknien nach Hause. Bei einer Kinderveranstaltung bekomme ich eine Flasche ins Auge, ein fremder Mann bringt mich ins Krankenhaus und nach Hause. Meine Schwester fällt fast in Ohnmacht und stellt mich mit dem Gesicht zum Fenster um meine Mutter auf ihr Augenklappenkind vorzubereiten. Später weise mich selbst mit einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus ein und sage der Kollegin meiner Mutter im Büro Bescheid. Abgehetzt steht meine Mutter im Friedrichshain vor mir.

Meine Kindheit ist voll, so voll und bunt. 

An einigen Tagen fahre ich mit der Straßenbahn zur Arbeit meiner Mutter. Meine Schwester zwingt mich am Fenster zu sitzen. Sie liebt den Thrill erst kurz vor dem Abklingeln mit mir aus der Bahn zu springen. Bis heute sitze ich lieber am Gang, oder stehe! Auf der Arbeit meiner Mutter laufe ich dicht an Kunstwerken vorbei und schnuppere Museumsluft. Ich liebe diese Besuche und es meine Mutter in Aktion zu sehen. Wenn ich meinen Vater besuche, bekomme ich einen Bau Helm. Gemeinsam fährt er mit mir in hohen Fahrstühlen nach oben und zeigt mir das neugebaute Berlin. Ich halte seine Hand weil ich mich etwas fürchte.

Das erste Mal Urlaub im Ausland.
In vielen Ferien fahre ich zu Tante Lieschen nach Sachsen-Anhalt. Sie ist immer etwas laut, aber kuschelt gern. Ich liebe ihren Hund und habe etwas Angst vor ihrem Mann, der nur mit einem Gerät am Hals sprechen kann. Sie zeigt mir das Kartoffelschälen und nennt mich ihr kleines Mädchen. Die Sommer verbringen wir am Meer. Ich kann das Salz riechen wenn wir in Zingst aus unserem Ferienhaus treten. Auch heute fahre ich immer wieder gern daran vorbei, wenn wir oben sind.
Ich erzähle den Kindern oft von meiner Kindheit, den Spaziergängen mit meinem Opa und dem Baden am Müggelsee. Ich spreche von meinem Wellensittich der nur (gefühlt) zwei Tage lebte und dem Gefühl des Wange Streichelns meiner Mama.  Ich erzähle ihnen von der Liebe meiner Eltern und
ihrer Strenge um mich Wirbelwind in Zaum zu halten. Ich spreche mit ihnen darüber, dass ich meinen Humor mit meinem Vater teile und mein Interesse an Menschen mit meiner Mutter.  Ich zeige ihnen die Bilder von Berlin zur Wendezeit.

Ich möchte mich immer wieder daran erinnern und das ist vielleicht das größte Geschenk meiner Kindheit an mich selbst.

Alu

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Mein Beitrag zur Blogparade schöne #Kindheit bei Mamaskind 

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