Ich sage bitte zum hunderttausendsten Mal. „Bitte räume das auf“, „Bitte werfe das nicht“. Mein Mund ist fusselig vor so viel „Bitte, bitte“ ohne Erfolg. Ich bin müde und grantig. Es ist 2017, vor einem Jahr ist mein Artikel „Gestatten, ich bin die Mutter eines Arschlochkindes, sagst du.“ erschienen. Seitdem haben mich viele Zuschriften erreicht. Von Bekenntnissen wie „Ich fühle mit dir“, bis zu Vorwürfen „Du bist selbst schuld“ und Beleidigungen war alles dabei. Ich habe sie alle gelesen, habe mir Gedanken gemacht über jeden einzelnen Kommentar und habe versucht unser Kind noch besser zu unterstützen.

Nach nunmehr 12 Monaten, der Geburt eines dritten Kindes, viel Exklusivzeit mit dem Sohn kann ich eins sagen: Es hat nichts von all den Tipps geholfen. Weiterhin ist der Sohn unkontrolliert, die Therapeutin sagt impulsgesteuert, ich sage unberechenbar.

Er ist ein Löwe und ich bin eine Löwenmutter

Wenn ihm was nicht passt, dann brüllt er wie ein Löwe. Er brüllt mich an, brüllt seinen Vater an. Die große Schwester zieht er an den Haaren, der kleinen Schwester am Arm. In der Kita ist er der Älteste und wird von allen bewundert, er selbst langweilt sich dort extrem und kommt auf verrückte Ideen um sich „Ruhe“ zu verschaffen.  Er redet mit allen Kindern, Erziehern, Küchenmenschen dort. Er redet und redet und redet ohne Pause. Nervt ihn was, dann macht er kurzen Prozess und sagt „Entschuldigung“ danach, ohne dies auch zu meinen.

Wenn ich ihn abhole, dann spricht er ohne jegliche Rückfrage bis wir daheim sind. Er baut, klebt und erfindet weiterhin komplett eigene Spielwelten. An manchen Tagen ist sein Zimmer ein Dschungel, an anderen Tagen ein Ninja Tal. Egal wo wir sind, er geht einfach ungefragt an Schubläden heran und stellt Fragen die lieber keiner hören will. Ich sehe Menschen aufatmen, wenn er den Raum verlässt. Er ist weiterhin oftmals zu nah und zu viel für viele in seiner Umgebung.

Er gibt das Tempo vor, ganz allein

Er will nicht Rad fahren und nicht schwimmen lernen. Er mag keine Menschenmengen und ist sehr zufrieden wenn er einfach nur im stillen Lego bauen kann. Er braucht nie viel Material und wenn dann weiß er es sich gut zu beschaffen. Sollte einmal die Zombieapokalypse kommen, er würde überleben da wäre ich mir sicher.

Wenn wir streiten dann immer laut und heftig. Er schmeißt mir Sätze wie „Du bist die mieseste Mama der Welt“ an den Kopf und ich zähle dann leise bis fünf, in mir drin, bevor ich antworte. Der Mann sagt nun oftmals er glaubt wir beide seien manchmal nicht kompatibel in diesem Umbruchsjahr. Wenn wir Streit haben, dann kommt er nach drei Minuten an und will kuscheln, wir nehmen uns dann raus und halten uns fest umschlungen.

Eine Blume die man für Unkraut hält

Im letzten Herbst sollte er in die Schule gehen, aber wir entschieden ihn noch ein Jahr reifen zu lassen, nun geht das nicht mehr. Ich mache mir große Sorgen vor dem Eintritt in die Schule, vor seinem Zurechtfinden im System dort.  Ich denke darüber nach wie das sein wird für ihn mit all den anderen Schülern, ob er sich überhaupt anderes Wissen aneignen mag, denn Buchstaben interessieren ihn nicht, dafür Zahlenreihen und Ingenieurswissen. Ich sehe ihn nicht in einem linearen Schulsystem, kann ihn mir nicht vorstellen wie er stillsitzen soll, oder ruhig bleibt wenn die Lehrerin „Bitte tu dies“ sagt.

„Du beurteilst ihn zu streng“, sagt der Mann und wiederholt all die guten Seiten des Sohnes Mantra mäßig für mich. Wie aufmerksam er sein kann, wie klug er ist, wie witzig er sein kann, wie verkuschelt er noch ist, wie viel er sich schon allein zu helfen weiß.

Es stimmt: Er ist noch frei und wild innendrin, ein ungezähmtes Kind und vielleicht habe ich genau deshalb Angst vor der Begegnung mit dem System, schon so lange.

Dieses Kind, dieses anstrengende, besondere Kind ist wie eine Blume die man für Unkraut hält und die man ständig gießen muss und so bin und bleibe ich wohl weiterhin „die Mutter eines Kindes das du Arschloch genannt hast“ auch jetzt mit dem Schuleintritt und es tut nicht weniger weh, aber es tut gut nicht mehr ganz allein damit zu sein.

Danke

Alu

Arschlochkind reloaded