Wenn ein Brief kommt auf den man gewartet hat, dann stockt einem der Atem.  Wenn der Brief dann auch noch die richtigen Fragen stellt, dann hüpft das Herz.

Die wichtigste Frage im Brief  ist jedoch: Wie geht es dir?

Ja, wie geht es mir eigentlich? Wann habe ich mich das selbst zum letzten Mal gefragt? Ich wische die Frage immer weg wenn sie mir gestellt wird, denn: Nein, ich habe keine eindeutige Antwort darauf außer „gut“ um nicht weiter gefragt zu werden.

Es geht mir „gut“  lieber Absender, du musst dir keine Sorgen machen, aber es geht mir eben nur gut, nicht fantastisch, nicht mega toll und das kommt so:

Ich bin müde weißt du, so geschlaucht. Die letzten fast 19 Monate ohne richtigen Schlaf haben mein Gesicht müde gemacht. Ich habe mehr Falten bekommen die man sehen kann und meine Augenbrauen werden nun weiß.

Ich bin nie langsam weißt du, nie ausgebremst. Das Studium seit Oktober zerrt an meinen Kraftreserven, es begeistert mich aber wirft auch viele neue Fragen auf die ich mir manchmal gar nicht zu beantworten mag. Ich renne durch meine Studientage ohne innezuhalten um mich selbst gar nicht zu oft zu fragen „Und dann“?

Ich bin hart  weißt du, fast steinig. Die finanzielle Anspannung mit Studium, Elterngeld und irgendwie ja auch noch dem Hausbau in der Ferne haben mich hart werden lassen. Über Gehälter verhandele ich nicht mehr gern, kann es mir gefühlt gerade nicht leisten. Ab Juni läuft mein Elterngeld aus und die Sorge dann neben dem Studium vielleicht noch arbeiten zu müssen läuft mir nach.

Ich bin vorsichtig weißt du, fast scheu. Die letzten Monate waren geprägt von Gerüchten und Gerede im Internet über meine Person. „Habe ich nun, oder habe ich nicht? „Diese Gerüchte zehren an mir, ich bin inzwischen sehr zurückhaltend mit wirklich guten Gesprächen geworden, habe meine online Kontakte stark eingeschränkt und halte mich ansonsten von einigen Menschen fern.

Ich bin liebend weißt du, fast sinnlich. Meine Liebe zu Konsti ist in den letzten Jahren immer weiter gewachsen. Ich kann es mir nicht vorstellen eines Tages ohne ihn zu sein, ich rieche so gern an ihm und rede und lache mit ihm. Dass ich wirklich das Glück habe mit jemandem so tolles verheiratet zu sein lässt mich dahinschmelzen, immer und immer wieder.

Ich bin klug weißt du, fast clever. Ich kann nun einige  große Zusammenhänge noch viel besser verstehen. Wie immer lese ich noch so gerne, aber noch viel lieber höre ich gerade Features oder gehe auf Konferenzen. Ich habe solch eine Lust zu lernen derzeit.

Ich bin nervig weißt du, fast penetrant. Der Sohn hat mich die letzten Monate wieder sehr beschäftigt. Seit der Einschulung stehen viele Gespräche und Termine an. Immer wieder muss ich gezielt nachfragen was und wie und wo denn aufgetreten ist. Ich will endlich verstehen was sie meinen wenn sie mit „Er verweigert sich“ kommen und bin nun mit ihm den Schritt in die Diagnostik gegangen. Ich möchte, dass er glücklich ist, dafür nerve ich gern weiter.

Ich bin lustiger geworden weißt du, fast witzig. Ich merke wie ich im Zusammensein mit engen Leuten immer wieder lustiger bin, mich mehr selbst sehen und spüren kann. Ich liebe es kleine Anekdoten zu erzählen, Gedanken einzuwerfen und spüre diese Wärme die gute Konversationen hinterlassen.

Ich bin eitel weißt du, fast Diven artig. Ich weiß inzwischen gut was mir steht und würde mir keinen Mist mehr andrehen lassen. Meine Kleidung trage ich mit Stolz und erhobenem Kopf und einer dreckigen Brille. Ich habe mir eine Faltencreme gekauft, bis dato sehe ich keinen Unterschied.

Ich bin mutig weißt du, fast abenteuerlich. Ich kann auch mal nein sagen. Ich rede nicht mehr drum herum oder versuche trotzdem noch alles möglich zu machen. Ich sage klar und deutlich das N-E-I-N Wort und ich muss sagen, es fühlt sich gut an.

Ich bin kuschlig weißt du, fast mütterlich. Seit K3 in unserem Leben ist, habe ich das Gefühl das hier noch viel mehr gekuschelt wird. Mit ihrem „mehr mehr“ macht es mir fast gar nichts mehr aus, dass meine Brüste weiter unten hängen und sie in meine dicken Oberschenkel zwickt. Ich liebe es an den Haaren der Kinder zu riechen, sie in den Armen zu halten und ihnen jeden Morgen tausend Küsse zu geben. Ich bin ein Weichei.

Es gibt so viel, so viel mehr zu berichten als das kleine Wort „gut“  wenn mich mal jemand fragt „Wie geht es dir heute“ nur habe ich so oft das Gefühl, das will vielleicht gar keiner hören, oder? Kennst du das auch?

Wie geht es dir heute? Jetzt gerade? Erzähl es mir. Ich möchte es wissen.

Deine Alu