Ich sitze auf einer Parkbank, es ist Frühling. Die ersten Sonnenstrahlen treffen auf mein Gesicht, ich muss die Augen zusammenkneifen. Ich sitze da und bewache irgendwelche Jacken und Taschen der Kinder, die sich einfach auf Spielgeräte auf dem Spielplatz gestürzt haben, obwohl sie doch langsam zu groß dafür sind. Immerhin schubsen sie keine kleineren Kinder von der Schaukel, sondern genießen die freie Fläche und schaukeln hoch im Wind. Ich halte die Winterjacken fest, die langsam ausgedient haben und ich halte mich selbst fest, ein kleines bisschen. Ich mache das häufiger seit einigen Jahren, mich selbst festhalten, wie nachspüren als ob man noch da ist, nur so für eine Sekunde. Meine Hände halten sich dann gegenseitig, die Finger passen perfekt ineinander und nichts stört mich an dieser Gestik, die fast demütig wirkt, wenn man sie nicht gerade auf einer Parkbank ausführt. In den Nächten brauche ich diese Geste recht häufig. Ich kann nicht schlafen, die Angst kommt und lähmt mich, aber hält mich auch wach. Ich liege da und denke ans Sterben oder Arzttermine. Ich denke an die Kinder, an das doofe Geld und an all die Ansprüche, die mich immer wieder treffen und von denen ich wohl niemals ganz frei sein werde.
Aber jetzt gerade, da sitze ich da und ich muss es einfach sagen, ich bin in diesem Moment einfach glücklich.
Ich bin ganz hier, ganz im Moment und ich fühle mich genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Ich kann meine Kinder sehen und hören, die Sonne scheint und ich darf hier sitzen und mich freuen, mehr braucht es nicht. Ich weiß nicht wie viele Jahre meines Lebens ich damit verschwendet habe mir über scheinbare Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Manchmal waren es die anderen Eltern auf den Spielplätzen, manchmal war es schon allein das Wetter. Viel zu oft war es mein Körper oder mein ganzes Ich, zu viel, zu laut. Irgendwas war ja immer. Aber dieses einfache Glück, diese Zufriedenheit spüren dürfen, das gelang mir selten. Jetzt kann ich das und das ist besonders. Es stellt eine neue Facette von mir dar, dass ich das sehen kann, dass es so viel von dem Kram nicht braucht, den einem irgendwer verkaufen will. Also ich brauche das jedenfalls eher nicht, das merke ich nun.

Während ich hier sitze und irgendwann anfange im Handy zu scrollen sind da die Nachrichten meiner Freundinnen. Einigen von ihnen geht es gerade nicht gut. Sie sind zerbrechlich. Sie brechen gerade teilweise in ihren Mitten durch, habe lange Kämpfe vor oder hinter sich. Manche trauern, andere wüten. Ich sehe das und möchte ungern verstrahlte Worte zurückschicken, die ihnen nicht helfen und die einen Vergleich anstreben, der wohl niemals angebracht ist. Also schweige ich, denn wenn man nichts kluges zu sagen hat, dann kann man auch einfach mal die Klappe halten (finde ich) und dann frage ich mich gleichzeitig wieder: Bin ich gerade eine gute Freundin?
Müsste ich nicht irgendwas kluges, was mitfühlendes schreiben?
Ich atme ein, ich sitze auf dieser Bank und dann tue ich das einzig Richtige, ich antworte ihnen, dass ich mit ihnen wütend oder traurig bin. Das dieses Leben einfach manchmal scheiße ist und das “fair” oder “unfair” keine Worte sind, mit denen man weiterleben kann. Ich antworte ihnen, dass ich meine Kraft teilen würde, wenn das ginge und das ich da bin oder ob ich konkret helfen kann.
Und während ich tippe und diese Gleichzeitigkeit aller Dinge spüren kann, da frage ich mich: Darf ich das? Darf ich Ja zum Leben sagen? Darf ich das wieder? Ist das erlaubt für einen kurzen Moment Leichtigkeit zu spüren, wenn man das alles erlebt hat, so wie ich? Darf ich lachen und fröhlich sein, auch nach meinem Kampf? Diese Frage beschäftigt mich inzwischen schon eine ganze Weile lang, denn ich spüre ganz einfach an manchen Tagen, wie sehr diese neue Alu das Leben liebt, ihr Leben und da ist trotzdem so oft diese Angst, dass das alles nur ein Traum ist. Ein Traum, dass ich hier sitzen darf und meinen Kindern zusehen darf beim Wachsen. Das mir so viele Dinge egal sind und das mein Leben vielleicht sogar freier und klarer aussieht als noch vor vier Jahren. Also, darf ich das Leben? Darf ich glücklich sein, nur diesen einen Moment auf dieser Parkbank? Was denkst du?
Alu



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