Wenn eine Geschwisterchen geboren wird- Tipps vom Wunschkindblog
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Baby Elternleben

Wenn ein Geschwisterchen geboren wird – von Liebe, Eifersucht und individuellen Strategien #Gastpost „Gewünschtestes Wunschkind“

Eklat auf dem Spielplatz

Ein paar Wochen, nachdem mein kleiner Sohn geboren wurde, kam meine Schwiegermutter zu Besuch. Gemeinsam mit meiner Besseren Hälfte holten wir unsere beiden dreieinhalbjährigen Töchter von der Kita ab und spazierten zum nahegelegenen Spielplatz.

Schon kurz, nachdem wir das Kita-Gebäude verlassen hatten, begann mein Fräulein Ordnung wegen einer Kleinigkeit laut zu weinen. Weil ich das schlafende Baby im Tuch vor der Brust hatte, kümmerten sich meine Schwiegermutter und die Bessere Hälfte um unser untröstliches Kind. Sie weinte und weinte, wurde immer lauter, obwohl sie in den Arm genommen und gestreichelt wurde. Meine Schwiegermutter bemühte sich redlich. Sie erzählte ihr ablenkende Geschichten und ging wirklich liebevoll auf sie ein.
Spielplatzmoment
Nach einer Weile wurde Fräulein Ordnung ruhiger, doch im Laufe des Nachmittags kam es mehr als einmal vor, dass sie wegen einer Nichtigkeit zusammenbrach. Wieder und wieder brauchte sie intensive Zuwendung, die sie auch jedes Mal bekam, auch, wenn uns Großen bei der Lautstärke ihres Weinen und Greinen die Ohren schlackerten. Wir wussten zwar nicht, warum sie so viel weinte, aber wir trösteten sie.

Endlich hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie sich in den Sand setzen und buddeln konnte.

Ihre gleichalte Schwester, Fräulein Chaos, hatte sich in der gesamten Zwischenzeit relativ gut selbst beschäftigt. Sie war geklettert und gerutscht und hatte von Weitem immer wieder beobachtet, wie ihre Schwester von der Omi auf den Schoß genommen und bekuschelt wurde. Als Fräulein Ordnung sich nun in den Sand setzte, wollte ich gerade erleichtert aufatmen und mich mit dem immer noch schlafenden Baby auf eine Bank setzen, da kletterte Fräulein Chaos vom Gerüst und steuerte mit wütendem Gesicht auf ihre Schwester zu.
Ohne wirklichen Anlass fing sie an, mit dem Fuß Sand in ihre Richtung zu kicken, und ihr Eimer und Schippe zu klauen. Sofort fing die emotional noch labile Fräulein Ordnung wieder an zu weinen und schrie laut, die Schwester möge doch aufhöööööööreeeeeen und überhaupt wuuuuäääääh! Ich ging zu Fräulein Chaos und sagte noch relativ freundlich, dass ihre Schwester die Buddelsachen zuerst hatte und diese gern zurückhaben möchte. Meine Tochter aber dachte gar nicht daran, mir zuzuhören. Frech grinsend rannte sie mit dem Eimer und der Schippe davon. Sie fing aber nicht an, damit am anderen Ende des Sandkastens zu buddeln, sondern rannte nur ein paar Meter, stellte sich dann in gebührendem Abstand zu uns auf und winkte aufreizend mit dem Eimer.

Ich spürte die Blicke meiner Schwiegermutter im Rücken, mein Herz begann vor Aufregung und Wut zu pochen.

Das Baby begann, sich im Tuch unruhig zu winden. Boah, war ich wütend! Ich rannte ihr aber nicht hinterher, sondern blieb stehen, ich sagte auch nichts zu ihr. Da ich nicht auf ihre Provokation einging, schaltete meine Tochter einen Gang höher. Sie nahm sich eine Hand voll Sand, rannte auf uns zu, warf sie mit Karacho auf ihre Schwester und rannte dann wieder weg, um nicht von mir eingefangen zu werden. Lauteres Heulen von Fräulein Ordnung, die sich nun lamentierend über die sandigen Haare fuhr. Die Bessere Hälfte ging zu ihr, um sie zu trösten. Das Baby vor meiner Brust öffnete verwundert ein Auge. Ich registrierte es genervt. Er sollte eigentlich noch eine weitere Stunde schlafen! Scheiße, ey. Aber es half alles nichts, er musste da jetzt durch und ich auch. Hier ging es offenbar um einen Machtkampf zwischen Fräulein Chaos und mir.

Wie zwei Cowboys mit den Händen an den Holstern standen wir uns gegenüber. Wer würde zuerst die Waffen ziehen? Ich schaute ihr ernst in die Augen, strahlte tödliche Wut aus. Meine Schwiegermutter murmelte irgendwo hinter mir ein entsetztes „Also, das ist doch nicht zu glauben…frech…und grinst auch noch…“. Mein Puls war auf 180. Fräulein Chaos wagte einen erneuten Angriff. Sie rannte wieder auf ihre Schwester zu, doch diesmal waren wir Eltern ganz dicht bei ihr und schützen unsere weinende Tochter. Der Eimer flog auf uns zu, danach die Schippe. Ich fing beides mit den Händen ab. Wieder rannte meine Tochter aus meiner Reichweite, nur, um sofort danach wieder zu ihrer Schwester zu rennen. Diesmal trampelte sie mit aller Macht ihre gebaute Sandburg kaputt. Ich schaffte es, sie am Arm zu packen, bevor sie wieder weg lief, und hielt sie fest.
Eigentlich wollte ich in Ruhe mit ihr reden, aber meine Tochter gebärdete sich wie ein wildes Tier. Mein Griff an ihrem Arm schien ihre Wut zu verdreifachen, sie begann, auf mich los zu gehen, nach mir zu treten und mit ihrer freien Hand auf meinen festhaltenden Arm zu trommeln. Aua, tat das weh! Aber ich ließ sie nicht los. Kurz blickte ich in diesem Moment zu meiner Schwiegermutter – böser Fehler. Ich sah ihr entsetztes Gesicht, wie sie diese Szene verfolgte. Ich dachte, ich könnte ihre Gedanken lesen. In mir machte es „Klick“. Eine Wut breite sich in meinem Inneren aus, wie ich sie selten erlebt habe. Wie eine Feuerbrunst walzte sie über meine rationalen, deeskalierenden Gedanken hinweg und ließ mich nur noch fühlen – fühlen und wüten. Ich konnte nur noch einen klaren Gedanken fassen: Das Kind gehört bestraft!

Mich so zu blamieren, das war ja wohl die Höhe! Was fiel ihr denn ein! Aus den Augen mit ihr, sonst würde ich mich vergessen!

Ich zog das Kind unsanft zur Besseren Hälfte und keuchte zwischen zusammengepressten Zähnen hervor: „Sie bleibt mit dir zuhause. Ich mache mir mit Fräulein Chaos, dem Baby und Omi einen schönen Nachmittag. Wir werden viel Spaß haben.“ Damit wandte ich mich ab, und ging. Ich wusste, dass ich meiner Tochter damit weh tat. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass sie gerne Zeit mit mir allein verbracht hätte, doch ich wollte sie verletzen. Ich wollte sie bestrafen, weil sich mich mit ihrem Verhalten vor meiner Schwiegermutter und den anderen Müttern auf dem Spielplatz hatte schlecht dastehen lassen. Tief in mir drin spürte ich, dass ich das Falsche tat, doch ich wischte den Gedanken beiseite. Ich wollte jetzt nicht vernünftig und erwachsen sein. Ich wollte bockig reagieren und verletzen, weil ich selbst verletzt worden war…

Entthronte Erstgeborene

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich euch diesen Vorfall erzähle, hier in Alus Blog, während sie flauschig mit Neugeborenem im Wochenbett kuschelt. Nun, der Zusammenhang ist da, aber ich brauchte damals eine Weile, um ihn selbst zu verstehen. Seht ihr, meine Töchter, die waren beide gerade von ihrem Brüderchen entthront worden. Sie liebten ihn, ohne Frage, aber neben der Liebe war da noch etwas anderes, das raus musste. Sie waren wütend und traurig, verletzt und verunsichert. Sie hatten das Gefühl, ich würde sie mit dem neuen Brüderchen irgendwie „betrügen“. Plötzlich durfte er die ganze Zeit an mir kleben, im Tuch und an der Brust, und die Momente, in denen sie nah bei mir sein konnten, wurde durch ihn arg beschnitten. Ich konnte nicht mehr vorlesen, wann immer sie das wollten, ich konnte nicht mehr spontan gemeinsam mit ihnen kochen, oder Gesellschaftsspiele spielen. Ich war müde, und gereizt, ich stillte oder ich musste Windeln wechseln. Abends lag ich stundenlang mit ihm im Bett, um ihn in den Schlaf zu begleiten, während sie mit der Besseren Hälfte Vorlieb nehmen mussten. Unser Familiengefüge hatte sich verschoben und wir alle wussten plötzlich nicht mehr, wer wo hingehört und wie wir uns verhalten sollten. Das verunsicherte meine Töchter über alle Maßen.

Spannend an der Geschichte vom Spielplatz ist, dass beide unserer Töchter uns an diesem Nachmittag mit ihrem Verhalten mitteilen wollten, dass es ihnen nicht gut geht und sie unsere uneingeschränkte Liebe und Aufmerksamkeit brauchen.

Doch während wir auf das Weinen von Fräulein Ordnung tröstend eingingen, auch, wenn wir den wahren Grund nicht erahnten, reagierten wir auf die Strategie ihrer Schwester absolut ablehnend und stießen sie von uns, als sie eigentlich ebenfalls Trost gebraucht hätte. Dass das falsch ist, ahnte ich schon, als ich ihre Strafe aussprach, doch das volle Ausmaß meines Fehlers wurde mir erst Wochen später bewusst, als ich endlich verstanden hatte, was sie wirklich von mir brauchte.

Provozierendes Verhalten hat immer einen Grund

Ich bin Sonderpädagogin und habe schon im Studium gelernt, dass jedes (auffällige) Verhalten von Kindern auf seine Art und Weise sinnvoll ist. Sie toben, trotzen, hauen oder weinen normalerweise nicht willkürlich oder irrational – es gibt immer einen guten Grund! Möchte man, dass das unschöne Verhalten aufhört, sollte man versuchen, den Grund zu entschlüsseln. Fräulein Ordnung war gerade entthront worden. Sie ging mit den widersprüchlichen Gefühlen und Ängsten in ihrem Inneren um, indem sie viel weinte und sich so unsere vermehrte Aufmerksamkeit sicherte. Fräulein Chaos war gerade entthront worden. Sie ging mit den widersprüchlichen Gefühlen und Ängsten in ihrem Inneren um, in dem sie provozierte, haute und kneifte und sich so unsere vermehrte Aufmerksamkeit sicherte. Keine positive Aufmerksamkeit, nein, aber das ist einem Kind in diesem Moment egal. Es nimmt das, was es kriegen kann.

Dass ein Kind von uns Trost und Streicheleinheiten bekam und das andere Kind (für die gleichen Gefühle!) jedoch Ärger und Strafen war der größte Fehler, der uns Eltern unterlaufen konnte.

Mit dem heutigen zeitlichen Abstand kann ich das gut erkennen. Denn die Strategien, mit denen uns unsere Kinder mitteilen, dass es ihnen im Inneren nicht gut geht, wählen sie sich nicht bewusst aus. Sie sind abhängig vom Charakter des Kindes. Die einen weinen, die anderen hauen, manche werden wieder selbst zum Baby, andere jammern vermehrt, wieder andere knabbern an ihren Fingernägeln, um den inneren Stress abzubauen. Mehr noch, unseren Kindern ist nicht einmal bewusst, dass sie so reagieren, wie sie reagieren, weil sie eifersüchtig und unsicher ob der neuen Situation sind! Sie fühlen nur ein unbestimmtes Unwohlsein in sich, ein unbewusstes Nagen am Herzen, das sie loswerden wollen. Sie wissen nicht, warum sie weinen. Sie wissen nicht, warum sie hauen und kneifen. Sie wissen nicht, warum sie plötzlich Bücher zerreißen, Kleider zerschneiden oder Wände mit Filzstiften anmalen. Sie wissen nicht. Sie fühlen nur.

Sie dafür zu bestrafen, dass sie eine in unseren Augen falsche Strategie nutzen, um uns ihren Schmerz mitzuteilen, ist falsch. Wir bestrafen sie dann für etwas, was sie sich nicht aktiv ausgesucht haben. Wir bestrafen sie für ihren Charakter. Wir bestrafen sie dafür, dass sie noch keine ausgereifte Impulskontrolle, keine ausgereifte Empathie, kein ausgereiftes Verständnis für den Blick aus den Augen eines anderen haben – kurz, wir bestrafen sie dafür, dass sie sich absolut altersgemäß verhalten, weil sie die kognitiven Meilensteine der kindlichen Entwicklung aufgrund ihres Alters noch nicht erreicht haben.

Und ja – ja, ich sehe das auch so, dass Kinder natürlich lernen müssen, dass manche Dinge, wie Hauen, unangebracht sind. Sie müssen lernen, sich gesellschaftlichen Normen anzupassen. Sie müssen lernen, ihre Konflikte friedlich zu lösen. Oh ja, ich stimme euch zu!

Sie müssen es aber nicht ausgerechnet dann lernen, wenn ein Geschwisterkind geboren wurde. Die Entthronung ist die erste große emotionale Krise eures großen Kindes und es hat Liebeskummer.

Es ist eifersüchtig. Es ist so verletzt, wie nie zuvor in seinem Leben. Wenn eine erwachsene Frau nach Hause kommt und ihren Mann im Bett mit einer anderen erwischt, schüttelt wohl keiner von uns ungläubig den Kopf, wenn diese Frau weinend auf ihn los geht und versucht, mit ihren Fäusten auf ihn einzutrommeln. Der Ehemann hätte Verständnis. Die andere Frau im Bett hätte Verständnis. Die Gesellschaft hätte Verständnis. Nun, dann lasst uns unser Verständnis erweitern auf die Situation unserer Kinder. Sie wollen uns nur mitteilen – auf ihre ganz individuelle Art – dass sie Herzschmerz haben und dass sie uns brauchen. Unsere Aufmerksamkeit. Unsere Zuwendung. Unsere Liebe. Unseren Trost.

Herzlich, Eure Snowqueen

P.S. Wenn euch interessiert, wie wir die Entthronung in unserer Familie letzten Endes doch noch gemeistert haben, dann schaut mal hier.

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Danke für diesen Beitrag, ich bin sehr gespannt wie sich das hier gestalten wird. Alu

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2 Comments

  • Nina
    5. September 2016 at 18:26

    Und wann ist es überstanden? Mein Großer ist 2,5 und reagiert mit allen Möglichkeiten. Hauen,weinen, knabbern,wieder Baby sein wollen. Der Kleine ist nun 3 Monate. Es ist zum Glück nicht so extrem,aber das Hauen stört mich sehr. VG Nina

  • Anonym
    5. September 2016 at 19:18

    Ein sehr schöner Artikel, der einem mal wieder die Augen öffnet. Und super, dass dir die Gründe noch klar geworden sind.Ds finde ich nämlich auch meistens am schwersten. Selbst wenn man sich wieder der Tatsache bewusst wird, dass jedes "unangemessenes", "provozierendes" oder übertriebenes Verhalten seinen Grund hat, rauszufinden, was dieser Grund ist. Gerade wenn man emotional hochkocht und sogar gar beobachtet wird, kommt man oft nicht auf die nahe liegensten Dinge.Die Spielplatzsituation ist sehr schön analysiert 🙂

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