Ich werde die junge Alte sein. Ich werde die Oma Digitalis
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Elternleben

Ich werde die junge Alte sein. Ich werde die Oma Digitalis.

Ich reibe die Nase, wie mein Großvater es tat. Heute rieb ich an meiner Nase als ich gedankenverloren in der Wintersonne nach Haus spazierte.

Vor meiner Haustür fiel mir das Nasereiben auf, es ist die gleiche Geste die mein Großvater häufiger tat, wenn er gedankenverloren in der Ecke saß, oder sich Dinge genauer besah. Es ist seine Geste und nun habe ich sie anscheinend übernommen, wie merkwürdig schön.

Oma Digitalis Pixabay.

Ich träumte den gleichen Traum

Lange Zeit träumte ich einen immer gleichen Traum: An meinem 65. Geburtstag erwache ich mit einer Blumenkohlfrisur mit Lilafarbstich und schaue entsetzt in den Spiegel. Ich bin plötzlich eine Oma und trage Textilhosen im Karottenschritt. In meinem Traum treffe ich viele Frauen mit lilafarbigen Blumenkohlfrisuren wieder. Margot Honecker, die Simpons Schwestern, meine Großmutter, die Frau aus der Kita die immer den Essenswagen schob. Ich befinde mich im Traum mitten unter ihnen und wache dann irgendwann schweißgebadet auf, in dem Wissen, dass so mein Alter aussehen wird.

„Alt werden, das macht doch heute keiner mehr“

Doch: „Alt werden, das macht doch heute keiner mehr.“ Immer in sportlicher Kleidung, oder im schicken Dress, begegne ich den 65 jährigen, wenn sie beim Joggen an mir vorbeiziehen. Wer von alt spricht, der spricht von jenseits der 80 und zeigt mit dem Finger auf Andere. 75, das ist längst kein Alter mehr. Die Universitäten und Tangokurse der Welt können davon berichten. In unserer Ecke im Friedrichshain kann ich den Kindern gar keine alten Menschen mehr zeigen. Wir müssen uns schon über das Frankfurter Tor hinaus bewegen, wenn wir die noch älteren Herren mit Blousons und Frauen mit Blumenkohl treffen wollen. Ehrfürchtig stehe ich neben der Eisdiele und schaue meinen Bildern der Kindheit nach.

Die vererbte Reibenase.
Die Träume dem Alter anpassen

Vielleicht muss ich meine Träume, in einer Welt im demographischen Wandel, neu erdenken. Die Grenze 65+ und Blumenkohl hat längst ausgedient, ich werde wohl erstens nie mit 65 in Rente gehen können und zweitens mit Blumenkohl erwachen. Ich werde meinen Traum den neuen Bildern vom Altern anpassen. Ich werde mich selbst in Joggingsachen, mit wehendem weißem Haar erträumen.  Ich werde beschwingt meine Enkel werfen und dabei ein Stück Sahnetorte in der Hand halten, das ich dann als Rentnerin mit 70+  endlich ungestraft essen darf. Ich werde die junge Alte sein und meine Falten glätten. Ich werde eine Oma Digitalis sein und meinen Mann per Chat nerven. Ich lasse meinen Daumen knacken, bevor ich die Tür aufschließe und denke an all diese verlorenen Generationen der Hunzelomas.
Meinen Großeltern hätten die sportlich, gekleideten Jungspunten-Omas und -Opas sicherlich gut gefallen. Amüsiert hätten sie von der Fensterbank aus ihr Kissen zurechtgerückt und dem fancy Opa zugerufen „Dieser neumodische Kram hilft och nischt gegen das Alt werden, kannste glooben.“

Alu

Oma Digitalis

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2 Comments

  • Nieselpriem
    19. Januar 2016 at 11:46

    🙂 So wirst Du! Ich gloob das.

  • Mama 2.0
    19. Januar 2016 at 12:13

    Recht hast du!Meine eigene Oma (wird 85 in vier Wochen) hatte Ende ihrer 50er Jahre einen lila Blumenkohl, inzwischen trägt sie blond mit trendigen Strähnchen und hat sich letztes Jahr die Augenbrauen tätowieren lassen mit permanent make-up. Soviel dazu ^^

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