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Ein Jahr Scheiße am Schuh, ein Jahr nach der Diagnose #Brustkrebs

Heute vor einem Jahr erhielt ich die Diagnose Krebs. Brustkrebs. 4 cm groß, befallene Lymphknoten. Ich weiß noch sehr genau wie der Anruf kam, wie ich im Auto saß und Konsti gefahren ist. Wie ich immer nur wieder “Okay” gesagt habe und die Hand von Konsti gedrückt habe. Wie im Nebel sind wir nach Hause gefahren, wie automatisiert bin ich ausgestiegen, wie gelenkt habe ich mich hingesetzt und meine Schwester angerufen.

Ich werde diesen Moment nicht vergessen, so wie man seinen ersten Kuss nicht vergisst oder den ersten Schwangerschaftstest. So wie man niemals vergessen kann, als man betrunken um 4 Uhr morgens mit dem Rad durch Berlin gefahren ist und die ersten Sonnenstrahlen sich schon gezeigt haben. So, wie man all diese Momente nicht vergessen kann, in denen das Leben und in denen der Tod besonders spürbar waren.

Ein Jahr lang stehe ich nun schon auf der anderen Seite. Auf dieser Seite mit Krebs. Das es verschiedene Seiten gibt, das habe ich im letzten Jahr immer wieder erfahren dürfen. Die Seite von: Trifft mich nicht! Das hat nichts mit mir zu tun! Krebs bekommen nur die anderen! Diese Seite liegt hinter mir, sie wurde ausgelöscht, für mich wird sie nie wieder erreichbar sein.

Ich stehe nun auf der anderen Seite. Einer Seite von Menschen mit und nach einer Krebserkrankung. Angst, Schmerz, Verbundenheit und tiefe Demut sind auf meiner Seite des Lebens dazugekommen. Ich kann mich an manchen Tagen gar nicht mehr daran erinnern, dass es noch eine andere Seite gegeben haben soll.

Nach der Diagnose haben wir im Internet erstmal nichts erzählt. Wir haben mit unseren Familien getrauert und ich habe mit meinen Freundinnen gesprochen. Wir haben mit den Lehrerinnen der Kinder gesprochen und ich habe mich auf der Arbeit verabschiedet, all das brauchte es für mich, um diese neue Wirklichkeit zu akzeptieren. Das ich es dem Internet erzählen werde und das ich einen offenen Umgang damit möchte, das war irgendwann für mich klar und so habe ich erst nach der ersten Chemotherapie die Krankheit öffentlich gemacht und werde das auch weiterhin tun.

Im letzten Jahr habe ich gekämpft, so sehr gekämpft. Zuerst mit mir und mit meinem Schicksal. Warum ich? Das habe ich mich immer wieder gefragt, aber was bringt einem diese Frage, auf die es doch keine Antwort geben kann? Warum jetzt? Ich bin jung, ich stehe doch mitten im Leben. Aber es gibt keine Antwort auf ein Jetzt, wenn jeder Tag jetzt sein kann. Warum Krebs? Aber jede andere lebensbedrohliche Krankheit wäre wohl auch kein Jackpot, also gibt es darauf keine Antwort.

Mit jeder Chemotherapie bin ich ein bisschen mehr körperlich gestorben. Ich konnte nicht atmen, nicht essen, nicht auf Toilette gehen. Ich konnte nicht schlafen, aber auch nicht wach sein. Und wenn mich jemand gefragt hat, wie es sich anfühlt, wenn das lebensrettende Gift in einen hineinläuft, dann habe ich oftmals geantwortet, dass ich mir so mein Sterben vorstelle, diese unglaubliche Kraftlosigkeit und alles ist irgendwie leise.

Im letzten Jahr habe ich so viel verloren. Zuerst ein bisschen mich selbst. Ich bekam keine innere Ruhe mehr zustande. Ich denke ich hatte das erste Mal in meinem Leben eine Panikattacke. Ich musste an der frischen Luft laufen, sobald mir übel wurde. Ich verlor 18 Kilo Masse und 2 Kilo Brüste. Ich habe Menschen verloren, denen mein offener Umgang mit Krebs nicht gefallen hat und Menschen verloren, die keine andere Seite sehen wollten. Sie ließen mich stehen, im Nebel. Ich habe unseren Familienurlaub verloren, weil krank sein teuer ist und mindestens einen Baum, weil man plötzlich so viel Papierkram hat

Im letzten Jahr durfte ich aber auch sehr viel gewinnen. Krebs ist eine Wissenschaft, ein Feld, in dem man nicht hofft zur Expertin zu werden und es doch werden muss, weil man wissen will, was passiert und weil das Prinzip Hoffnung nicht ausreicht.  Ich habe mehr Studien gelesen als in meinem Masterstudium. Ich habe mir einen eigenen Ordner für Medikationen angelegt. Ich habe Menschen kennengelernt, die ganze Konferenzen dazu organisieren. Ich habe so viel Liebe und Zuneigung kennengelernt, für all diese Erfahrungen bin ich dankbar. Ich habe so gar die kleinen Streitigkeiten mit den Kindern genießen können, weil man nicht weiß, ob man bleiben darf.

Ich bin für all diese Traumatisierungen jedoch nicht dankbar. Ich hasse diese Krankheit. Ich sehe darin nichts Gutes. Gar nichts! Ich brauchte keine Pause oder einen Anlasse zum Umdenken. Ich liebte mein Leben vorher so sehr, ich konnte es wertschätzen und genießen. Ich habe auch vorher schon Briefe geschrieben oder meine Füße in den Sand gesteckt und die Wärme gefühlt, ganz ohne Trauma. Krebs ist einfach ein Arschloch. Es nimmt einem die Leichtigkeit und wirft einen aus der Bahn, ganz plötzlich. Es nimmt einem die Energie und höchstwahrscheinlich die Aussichten auf einen 100. Geburtstag. Krebs und Medikamente bringen einem Gebrechen, von denen ich nicht mal wusste, dass man sie haben kann. Für die nächsten sieben Jahre muss ich Medikamente und Spritzen nehmen. Ich muss jeden Monat zur Blutabnahme und habe von meiner 24-monatigen Tablettenchemotherapie jeden Tag Durchfall. Ich kann keinen Kaffee mehr trinken, keine Milch mehr trinken und nicht einfach so wandern gehen, ohne vielleicht nach 10 Kilometern umzufallen. Ich hatte außerdem mit so vielen Menschen Kontakt, die nach kurzer Zeit gestorben sind, wie noch nie in meinem Leben.

Gestern Abend saß ich im Garten, wie auch vor einem Jahr. Ich nippte an meinem alkoholfreien Hugo und versuchte mich zu erinnern. Am Abend vor der Diagnose hatte ich bereits ein ungutes Bauchgefühl, meine Brust war blau von den vielen Gewebeentnahmen. Mein Bauchgefühl gestern war besser. Ich habe wieder Haare und meine vielen Wochen am Meer begleiten mich noch ein Stück. Ich habe weniger Angst vor allem, denn ich weiß nun sehr genau: Egal was kommt, ich kann kämpfen!

Alu

Zwei Jahre Scheiße am Schuh, zwei Jahre nach der Diagnose #Brustkrebs

Ein ganz besonderer Sommer #Brustkrebs

Hab ich nicht..

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4 Comments

  • L.
    8. Juni 2023 at 10:01

    Liebe Alu, danke für deine Offenheit und dass du so vieles mit deinen Leser*innen teilst. Ich habe keine Ahnung von Krebs, ich gehöre aber auch nicht zu jenen, die denken, sie treffe es nie (eher im Gegenteil; ich lebe täglich mit dem memento mori). Deine offene Art hat mich aber so vieles gelernt zum Thema Krebs und vor allem, wie es einer Krebspatientin gehen kann. Dafür ein herzliches Dankeschön! Auch dafür, dass du dich wehrst gegen diese toxische Positivität. Denn ja: Es ist einfach nur unfair und unnötig.
    Ich wünsche dir von Herzen, dass du dich sowohl körperlich als auch seelisch gut erholen kannst. Dass du gesund wirst und gesund bleibst. Dass du wieder Vertrauen gewinnst und wieder aus vollem Herzen lachen und leben kannst.
    Herzliche Grüsse, L.

  • PaulineM
    8. Juni 2023 at 10:58

    Ich wünsche Ihnen so sehr, dass dieses vergangene Jahr das schlimmste Jahr in diesem Kampf war, dass Sie von hier aus jedes Jahr die Besserung deutlich fühlen und irgendwann wieder “normal” leben können. Bei mir ist die Diagnose jetzt mehr als 8 Jahre her, aber ich habe vermutlich die mildeste Form von Brustkrebs gehabt, die es geben kann, und ich bin unendlich dankbar dafür. Für Sie und Ihre Familie wünsche ich, dass es täglich leichter wird.

  • Astrid
    11. Juni 2023 at 19:44

    Liebe Alu,

    ich bin ansonsten stumme Mitleserin, immer wieder wollte ich schreiben und jetzt isses soweit. Was für ein wunderbarer Text! Du hast meine Gedanken zu diesem Thema perfekt zusammengefasst.
    Ich wünsche Dir und Euch als Familie wieterhin viel Kraft auf Eurem Weg und ja, Krebs ist ein Arschloch und gewiss keine Chance auf irgendwelche obstrusen Möglichkeiten die Füße in den Sand zu strecken und/oder den Wind im Haar zu spüren…
    Alles Gute!
    Astrid

  • Zwei Jahre Scheiße am Schuh, zwei Jahre nach der Diagnose
    7. Juni 2024 at 22:46

    […] die Hand meines Mannes und ich nickte ihm zu. Wir standen an der Ampel und bogen nach Hause ab. Ich konnte nicht sprechen, ich hatte meine Sprache verloren. Ich sagte „Okay“ und legte dann auf. Zu Hause brach ich […]

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