Es wird mal wieder Zeit zum Aufleben unserer Reihe: Ihre und Seine Sicht, wir haben begonnen mit Seiner Sicht zu “Im Streit und in der Liebe” und nun kommt Ihre Sicht
#Ihre Sicht und Antwort auf “Im Streit und in der Liebe”
Es ist nicht mehr wie früher. Das stimmt wahrscheinlich. Aber warum sollte es auch? Zwischen damals und heute liegen zwei Jahrzehnte voller Leben. Unsere Kinder sind groß geworden oder wachsen noch immer heran (auch nicht schneller wenn man an ihnen zieht). Aus zwei Menschen, die sich blind ineinander verliebt haben, sind Eltern geworden. Menschen mit Verantwortung. Mit Sorgen. Mit Nächten, in denen geschlafen statt geredet wurde. Mit Tagen, an denen zuerst an alle anderen gedacht wurde (und der Kaffee kalt wurde) und irgendwann vielleicht auch wieder an sich selbst.
Das Leben hinterlässt Spuren. Die schönen genauso wie die schweren.
Wer gemeinsam so viele Jahre unterwegs ist, trägt Erinnerungen mit sich, die in keinem Fotoalbum passen. Manche machen stark. Andere machen dünnhäutig. Worte treffen heute manchmal anders als noch vor einigen Jahren. Man ist mehr Papier als Holz, kein Baumstamm mehr, sondern vielschichtig und manchmal fast durchscheinend. Nicht, weil die Liebe kleiner geworden ist, sondern weil das eigene Herz nicht mehr dieselbe Unbeschwertheit leben kann. Wir haben erlebt, dass sich von einem Moment auf den anderen alles verändern kann. Diese Erfahrung verschwindet nicht einfach wieder. Sie prägt und formt, schleift das Holz ab.
Vielleicht sehen Streits deshalb heute größer aus als früher. Dabei geht es oft gar nicht um das, worüber gesprochen wird. Es geht um die eigene Müdigkeit. Um Erwartungen. Es geht um Gespräche nach 22 Uhr. Um den Frust darüber, dass manches eben nicht mehr so funktioniert wie einst. Und manchmal geht es einfach darum, dass zwei Menschen versuchen, ihren Platz zwischen Familie, Mentalload, Alltag, Krankheit, Behinderungen und all den Aufgaben zu finden, die niemand sieht und die trotzdem jeden Tag erledigt werden wollen.

Herz verschenkt
In unserem Fall bleiben Eltern eben auch EIN Paar. Dieser Satz klingt so selbstverständlich und gerät doch erstaunlich oft in Vergessenheit. Zwischen Schulbroten, Arztterminen, Arbeit und Familienorganisation bleibt die Beziehung häufig irgendwo dazwischen liegen. Nicht aus fehlender Liebe. Sondern weil das Leben laut ist, weil es Kraft kostet und weil es jeder Tag seine eigenen Aufgaben mitbringt.
Und trotzdem ist da etwas, das bleibt. Vielleicht gerade deshalb.
Liebe ist nach vielen gemeinsamen Jahren nicht mehr dieses große Gefühl, das alles von allein trägt. Selbst sie ist Arbeit geworden. Nicht immer die anstrengende Arbeit, die man möglichst vermeiden möchte, sondern die Art von Arbeit die zeigt, dass einem etwas wirklich wichtig ist. Sie braucht Aufmerksamkeit, Geduld und manchmal auch die Bereitschaft, sich selbst ehrlich anzuschauen und dann für sich einzustehen.
Denn niemand bleibt derselbe Mensch. Das wäre auch gruselig und eigentlich doch sehr erstaunlich. Das Leben verändert jeden Menschen und das ist doch etwas wunderbares. Es macht vorsichtiger, oder mutiger. Es macht vielleicht leiser oder klarer. Es macht oftmals abgeklärter. Es nimmt viele Dinge weg und kann an anderer Stelle neue Stärke schenken. Menschen dürfen sich verändern, sonst kann es sehr schwierig werden.
Die eigentliche Kunst liegt vielleicht darin, diese Veränderungen in einer Liebesbeziehung nicht als Bedrohung zu sehen. Den Menschen neben sich immer wieder neu kennenzulernen. Obwohl man doch glaubt, sie oder ihn längst zu kennen. Immer wieder neu zu lernen und zu akzeptieren, dass sich Bedürfnisse von allen verändern können. Dass Grenzen anders verlaufen. Dass manches nicht mehr geht und anderes plötzlich wichtig wird, was früher kein Thema war. Man ist eben mehr Papier als Holz, durchscheinender und klarer. Dieses Konzept “Liebe” war wahrscheinlich nie dafür gedacht, perfekt zu sein. Sie zeigt sich viel öfter in den kleinen Entscheidungen des Alltags. Darin, nach einem Streit nicht aufzugeben. Sich wieder zuzuwenden. Den Humor wiederzufinden (das ist übrigens eine unserer Taktiken). Mir bleibt zu sagen: Es ist nicht mehr wie früher. Zum Glück. Denn früher hatten wir noch keine Ahnung davon, was wir alles gemeinsam getragen bekommen. Wieviel Platz zwischen unserer beider Liebe als Papier ist. Diese Liebe ist nach vielen Jahren vielleicht leiser geworden, weniger leicht. Dafür anscheinend tiefer und somit auch verletzlicher oder gerade deshalb?
Alu




2 Comments
Im Streit und in der Liebe #SeineSicht
8. August 2026 at 22:50[…] Im Streit und in der Liebe: #Seine Sicht, Hier zu lesen: Im Streit und in der Liebe #Ihre Sicht […]
Bock
10. August 2026 at 18:37Sehr schön ist das Bild vom Papier statt Holz. Früher hält man sich für einen Baumstamm, später stellt man fest, dass man aus ziemlich vielen dünnen Schichten besteht und erstaunlich leicht einreißt.
Die eigentliche Zumutung langfristiger Liebe besteht vermutlich darin, dass der andere sich verändert. Noch schlimmer: man selbst ebenfalls. 🦌