Liebe in Zeiten von Corona #Gastpost
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Elternleben

Liebe in Zeiten von Corona #Gastpost #Coronatagebuch

Immer mal wieder erreichen uns Gastbeiträge mit diversen Perspektiven und diese veröffentlichen wir dann unter #Elternleben, heute folgt ein weiterer davon, zu einem spannenden Thema: Liebe in Zeiten von Corona.

In einer Zeit, als die Menschlichkeit zu wünschen übrig ließ, und der Sturm über die Felder pfiff, begegnete mir ein Mann mit Hut, und er wollte bleiben. 

Gleich dem Sturm, der ihn in mein Leben geweht hatte, ging nun alles sehr schnell: Wir liefen stundenlang durch die Stadt, hüpften nachts auf einem Trampolin und waren bald sehr verliebt. Das Radio lief im Hintergrund, immer wieder, immer neue Informationen tröpfelten heraus über eine Krankheit, die allzu schnell auch von Europa Besitz ergriff, – und wir mittendrin. Als Eltern waren wir beide unmittelbar betroffen, als es hieß, bei Bedarf müssten die Kitas geschlossen werden. Vier Eltern auf zwei Kinder, eigentlich kein schlechter Schnitt, dennoch sind bei einem Kind beide Eltern Vollzeit berufstätig, bei dem anderen sind beide Eltern zuhause. 

Isolation als Gewächshaus 

Die Intensität der Isolation ermöglichte uns die Chance einer emotionalen Reise mit Siebenmeilenstiefeln. Ähnlich einem Gewächshaus oder einer Sauna ist das nicht für jede Pflanze / jeden Menschen etwas Gutes. Anderen widerum verschafft die Nähe, die konzentrierte Wärme eine geradezu beflügelnde Umgebung. Während wir am Beginn der Kitaschließung und den drohenden Ausgangsbeschränkungen vieles noch leichter nehmen konnten, und wir uns mit dem feststehenden Beschluss zur Beschränkung scherzhaft direkt zur Familie erklärten, wurde es mit der Länge der Wochen, von denen wir nicht wussten, wie lang sie wirklich waren, immer schwieriger, diese exklusive Nähe auch wirklich zu genießen. Am Anfang ist alles neu, alles spannend, alle Geschichten müssen nochmal erzählt und bisweilen auch unangenehme Dinge thematisiert werden. Speed Dating ist nichts dagegen, und hat längst nicht diese Tiefe. 

Die Erde schien stillzustehen, und doch prasselten die Nachrichten, Meldungen und Änderungen auf uns ein. Die Nachrichten waren ein wenig lauter als sonst, der Ton wurde dringlicher, die kleine Angst kroch langsam durch die Straßen. 

Kurz bevor die Ausgangsbeschränkungen wirklich in Kraft traten, waren wir abends auf einem der bereits gesperrten Spielplätze und sprangen noch mal auf einem Trampolin, um unsere Leichtigkeit zu suchen, die wir anfangs so genossen hatten. Es half ein wenig. Umso mehr schmerzt es nun, dass die Kinder wochenlang nirgendwo hin konnten, und niemanden aus dem bekannten Umkreis treffen durften. 

Zeit bis irgendwann 

In erster Linie gab uns die Krise etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Sie gab uns Zeit. Zeit für uns, da wir beide nur zum Teil für unsere Kinder zuständig sind, was ein wahrer Luxus ist. Wir haben Pufferzeiten, wir hatten in den ersten Wochen den Luxus von richtig viel Paarzeit, was in einer frischen Beziehung unfassbar schön und sehr belebend sein kann – daher drängte sich auch umso schneller die Frage auf, wieso wir nicht gleich das ganze Paket buchen, und so holten wir nach nicht einmal zwei Monaten die Kinder mit ins Boot. Augenscheinlich war das ein großer Gewinn, immerhin sind die beiden fast gleichalt und befinden sich wortwörtlich auf Augenhöhe. Innerhalb des inzwischen etablierten „Keimkreises“ von uns Eltern und Kindern, also insgesamt 6 Personen in 4 Haushalten, war das sogar ohne weitere (logische) Risiken möglich. Innerhalb dieses isolierten Kreises allerdings regte sich immer wieder etwas, da das arbeitende Elternpaar eine Art Betreuungsroulette spielen musste, als die weiteren Möglichkeiten von Kurzarbeit und finanziellen Einbußen dringender nach einer Lösung verlangten. Das widerum schlug sich in fehlender Paarzeit nieder, wie es wohl die meisten Eltern im Moment erleben. Es zehrt. Es zehrte an uns umgehend, weil die Intensität, die wir vorher zur Verfügung gehabt hatten, nun mit einem mal weg war, aber die Krisensituation von außen noch dieselbe war. Der Rückzug in unsere Paarzeit war mit einem mal nicht so einfach möglich, es gab kaum einen Ausgleich, keine Ablenkung. 

„Wir haben doch Zeit,“ denke ich – aber es fühlt sich nicht an wie unsere Zeit. Es fühlt sich an wie ein fauler Vertrag, in dem wir Zeit geliehen bekommen haben, aber die Konditionen nicht kennen. Geliehene Zeit, die wir mit einem abstrusen Zinssatz irgendwann zurück zahlen müssen, nur wissen auch wir nicht, wann. Es ist ein fauler Pakt, der mit Nerven, Kraft und Risiko bezahlt wird. Monatelang gibt es keine Betreuung für die Kinder, wir alle hangeln uns von Tag zu Tag. Zeit haben wir alle mal, und dann kriechen die dunklen Gedanken aus den Ecken und der Zweifel nagt an uns. 

Isolation als Extrembelastungstest 

Trotz aller Witze zu Paaren in der Isolation, trotz all der Schmunzelei, haben wir als frisches Paar mitten in dieser Krise doch zu kämpfen, weil die Sorgen natürlich nicht wegrücken, im Gegenteil. Während ironischerweise das arbeitslose Elternpaar abgesichert ist, und das berufstätige Elternpaar kaum noch Möglichkeiten hat, weitere Schließzeiten der Kita ohne weitere, massive finanzielle Einbußen abzudecken, rücken die Sorgen im Elternkreis immer in Richtung des Paares. Die Sorgen um die Kinder, die Betreuung, die Absicherung, die Zeiten, alles scheint sich zu konzentrieren. Gerade das macht es im Moment zur Belastungsprobe, auch für beide Paarteile. 

Liebe in Zeiten von Corona

Ich erinnere mich an eine Situation aus dem Leben vor Corona, in der ich ähnlich verzweifelt über einen unsicheren Ausgang einer Reise gewesen war. Allerdings hing ich damals zu Weihnachten am Flughafen in Dublin fest, und das lag am Schnee – Schnee schmilzt bekanntlich irgendwann, es gab also mindestens einen Ausweg, und der hieß Frühling. 

Dieses Licht am Ende des Tunnels haben wir nicht. Diese Möglichkeit der Hoffnung gibt es einfach nicht. Wir können nur hoffen, dass wir hier irgendwann wieder rauskommen. Im wörtlichen Sinne, nämlich öfter mal vor die Tür zu gehen, oder nicht jeden Schritt genau abzuwägen, weil nach wie vor über dieses Virus nicht viel bekannt ist und wir das Risiko jederzeit unterschätzen könnten. 

Social Distancing – und dann? 

Die Isolation während der Mahnung zum Social Distancing deckt definitiv ganz grundsätzliche, essentielle Fragen auf: Wie möchte ich leben? Mit wem? Und in welcher Welt will ich mein Kind großziehen? Kann ich mir mein Leben überhaupt noch leisten? Was will und kann ich in eine soziale Gesellschaft einbringen? 

Wenn wir eine Chance haben, ein besseres Morgen zu schaffen, in dem Care-Arbeit anerkannt und nicht beklatscht wird, in dem niedrigentlohnte Jobs konzeptionell überdacht und finanziell/personell aufgestockt werden, in dem digitale Lern- und Arbeits-Möglichkeiten verfügbar sind, bevor sie unabdingbar sofort verfügbar zu sein haben, und in dem sich die verschiedenen Typen des Zusammen- oder Auseinanderlebens finden, dann jetzt. Es braucht Zeit, um diese Ideen für das bessere, inklusivere Morgen anzudenken, reifen zu lassen, und wieso wird eigentlich immer noch nicht über ein bedingungsloses Grundeinkommen gesprochen? 

Krisenliebe und Liebeskrise 

Was die Krise mit der Liebe macht, ist ganz vielfältig, und ganz wichtig ist sicher auch, dass einigen Menschen nun klar wird, dass sie in dem jetzigen, extremen Umstand nicht nur umdenken müssen, 

sondern auch umdenken wollen. Die Liebe zum Job nützt nichts, wenn dieser alle Beschäftigten herunterwirtschaftet, ausbeutet und vernachlässigt. Die Liebe zur (ggf. zu den) Partnerperson(en) wird auf die Probe gestellt, durch Isolation mit dem Haushalt, oder gerade wegen der Kontaktbeschränkungen. Wer gehört zum exklusiven Kreis, mit welchen Menschen bin ich auch indirekt in Kontakt? Wen muss ich alles mitdenken, wenn ich jemand anderes treffe? 

Familien – unsichtbar in der Krisenpolitik? 

Familien mit mehreren Kinder leiden ganz besonders unter der Mehrfachbelastung, den Mehrfachanforderungen eines normalen Alltags ohnehin schon, und nun kommt die Krise noch hinzu. Während die häusliche Gewalt per Prognose ansteigen müsste, wie in anderen Ländern mit Isolation/ Ausgangsbeschränkungen, wird bei den Entscheidungen über Kontakt von Kindern/Familien zueinander nur über Betroffene, nicht mit ihnen gesprochen, auch wenn es mit einem Blick auf die Ergebnisse bei Google nicht lange dauern würde, um Echtzeit-Berichte aus Familienhaushalten zu erhalten. Viele Familien scheinen in den Bestimmungen vergessen worden zu sein, und während ich einerseits verstehe, dass die Konsequenzen der Entscheidungen immer noch Fälle außen vor lässt, die nicht mitgedacht wurden, scheint Corona die Familienignoranz der aktuellen Politik nochmal zu verschärfen. Es trifft Familien ganz besonders. Den Ort, an dem unsere Kinder sicher und liebevoll aufwachsen können sollten. Während Schulöffnungen nur einen Teil dessen abfangen könnten, werden die Maßnahmen, die offiziell gelten müssten, kaum umsetzbar sein (Abstand, Hygiene, kleine Gruppen). Das Homeschooling hat, wie sich zeigte, auch Lücken gelassen, sei es bei digitalen Lernkonzepten oder der Ausstattung der Familien mit ausreichend Endgeräten für Home Office und Lernkapazitäten. Das alles fällt zusätzlich zu Lasten der Familien. Von digitalisierter Bildung wurde in der Politik in den letzten Jahren nur ungern gesprochen, wenn überhaupt. 

Liebe Alle… 

Während also die Isolation, das Social Distancing, sich auf all unsere Beziehungen auswirkt, ist jede dieser Beziehungen anders dadurch belastet. Besonders schwer ist es nach wie vor für Eltern, all diesen Beziehungen gerecht zu werden, und im Zuge einer symbolischen Abrechnung werden sie nun massiv angegriffen. Was aber die idealisierte Liebe im Care-Sektor, und die Care-Arbeit zuhause anbelangt, ist es vielleicht genau jetzt an der Zeit, dort anzusetzen: Natürlich lieben wir unsere Kinder, aber von der Politik nicht mitgedacht zu werden, und die wirtschaftlichen und bundesligatechnischen Entscheidungen zu verfolgen, während zwischen Haushalt, Homeschooling und nun wieder flächendeckend erwarteter Präsenzarbeit absolut kein Land in Sicht ist, ist ein Schlag ins Gesicht aller Familien. Unter dieser massiven Belastung die Liebe nicht zu verlieren, ist dann wohl die neue Kunst…

M.H.

 

Danke für den Gastbeitrag, er hat mich sehr berührt und fasst viele Gedanken nochmal gut zusammen.

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