„Haha, der Karma-Bus wird es richten“ „Oh yeah, das regelt das Karma“ „Karma, Bitch“ Ich hasse Karma. Wer auch immer diese Weisheiten rund um „alles Gute kommt zurück – alles Schlechte wird bestraft“
Wer das mal erfunden hat, war wirklich ein Miesepeter. Das kann doch nur ein weißer alter Mann ohne Parkplatz und Sinn für Erziehung gewesen sein, denn ehrlich: Wer wünscht jemand anderem schon Schlechtes? Wer hat schon Leid verdient?
Ich kenne Niemanden. Sicher, ich bin auch dafür, dass Übergriffe und Taten bestraft werden, aber doch bitte gern im Rahmen des Rechtssystems. Ich möchte auch, dass niemand ungestraft davonkommt, aber für mich ist das Prinzip Rache/ Karma nicht passend dafür.
Ich würde niemals jemand anderem was Schlechtes wünschen, warum auch? Es gibt schon so genug Leid, Not und Tränen auf dieser Welt, die nie getrocknet werden können. Und wer entscheidet das überhaupt? Dieses: Also dieser Mensch hat Krebs, Tod oder Alleinsein verdient? Weil dieser Mensch mir Böses getan hat?!
In den letzten drei Jahren habe ich mich so oft gefragt, warum meine Mama Krebs bekommen hat, warum meine Freundinnen M, C und J sterben mussten? Junge Mütter mit kleinen Kindern. Warum ich Krebs bekommen habe, warum meine Freundin immer wieder Fehlgeburten erleben muss, warum mein Freund auf der Arbeit gemobbt wird? Karma? Alles Karma?
Haben diese Menschen nicht genug Liebe, nicht genug Zuneigung gehabt, abgestrahlt oder was? Haben sie der Omi in der Kaufhalle vielleicht mal nicht die Tasche getragen oder die Spinne eben doch noch nicht im Glas nach draußen transportiert? Haben Sie Fleisch gegessen, haben Sie als Jugendliche mal einen Rasen zertrampelt?
Es gibt keine Rechtfertigung, keinen Grund, jemals jemand anderem Schicksalsschläge zu wünschen. Und überhaupt, fühlt sich das wirklich gut an? Wenn ich jemandem etwas Schlechtes wünsche und das vielleicht noch eintritt? Gibt es Menschen da draußen, die mir „Krebs“ gewünscht haben, weil ich mal einen Denkzettel verdient hatte?
Die Schuldfrage stellt man sich als Betroffener oder Angehöriger doch sowieso. Habe ich das verdient? Warum hat es mich getroffen?
Was habe ich getan, um vielleicht schon bald sterben zu müssen? Karma ist daher für mich nicht nur eine Bitch, sondern Bullshit. Im Übrigen schicke ich seit vielen Jahren Menschen, über die ich mich ärgere, immer besonders gute Gedanken.
Ich denke dann sowas wie „Hoffentlich haben sie ein besonders schönes Wochenende mit ihren Lieben“ oder „Ich wünsche ihnen einen guten Heimweg“, damit mein Hirn die positiven Neuronen vernetzt, denn das ist inzwischen erwiesen: positives Denken setzt positives Handeln in Gang und davon brauchen wir alle, gerade in diesen Zeiten, doch wohl mehr als genug (dieser Text gilt für alle Menschen, außer für Nazis und das Patriarchat. Da vertraue ich aber nicht auf den Karmabus, sondern auf die Zivilgesellschaft, Courage und jeden Einzelnen von uns).
Wie denkt ihr über Karma?
Alu
#1000Tode, Er hat einen respektvollen Platz in der Mitte verdient.



4 Comments
Anne
30. November 2025 at 20:03Liebe Alu,
du fragst, was andere über Karma denken. Erstmal denke ich, dass die Frage nach dem Warum und der Schuld für Krankheiten absurd ist, egal ob über Karma argumentiert oder andere “spirituelle” Argumente. Denn diese Schuld heißt Leiden verdoppeln, und dass hat niemand verdient. Dafür gibt es viel zu viel Leid auf der Welt. Damit sollte sich niemand zusätzlich quälen.
Nun aber zum Karma: der Begriff ist nicht erfunden wurden um Menschen zu quälen. Wenn er dir nichts Gutes bedeutet, lass ihn liegen. Man kann ihn positiv lesen und wirken lassen. Sich im Handeln, was man steuern kann, auf Gutes fokussieren und das Schlechte lassen, von dem man weiß, es wird für einen selbst oder andere negative Konsequenzen haben. Das wirkt freundlich in die Welt und beruhigt die eigene Rübe. Man kann ihn auch positiv deuten, dass eigenes unheilvolles Handeln durch Krankheit ans Licht kommt und nun heilen darf. Aber man sollte ihn nicht benutzen, um sich oder andere fertig zu machen. Oder um eigenes oder fremdes Leiden abzuwehren, statt mit offenen Herzen das Leid und das Glück dieses Lebens nebeneinander stehen zulassen.
Schön, dass es dich gibt!
A
Mary
1. Dezember 2025 at 08:12Liebe Alu, du fragst, was wir von Karma halten und ich möchte als erstes schreiben, dass ich diesen Begriff noch nie unter Aspekten wie die, die du beleuchtest, gesehen habe.
Ansonsten – ich bin kein religiöser Mensch und demzufolge glaube ich an keine übergeordnete Macht, die für Gerechtigkeit zuständig ist. Wohl aber habe ich in mir die tief verwurzelte Hoffnung, dass alles Gute, was man so gibt im Leben, zu einem zurückkommt. Und alles Böse eben auch. Diese Hoffnung führst du mit deiner Frage, warum manche Menschen (also du in diesem konkreten Fall) schwere Krankheiten bekommen, ohne sich „schlecht“, „böse“, „negativ“ (…) verhalten zu haben, auf einen heftigen Schlingerkurs und ich muss mich von meiner hoffnungsvollen, aber offenbar zu einseitigen Dimensionale verabschieden. Und neu sortieren.
Eine andere Frage, die du aufwirfst, ist die, ob irgendetwas es rechtfertigen könnte, dass man anderen Menschen im übertragenen Sinne die Pest an den Hals wünscht. Für mich gilt: Ja, ich kann mir Situationen vorstellen, aus den heraus ich anderen weit Schlimmeres als die Pest wünschen würde. Und es wäre mir dann sch***egal, ob meine schlechten Gedanken sich dermaleinst in einen Rückschlag ins eigene Kontor manifestieren würden.
Viel Stoff zum Weiter-darüber-nachdenken wirfst du da auf!
Für jetzt aber LG und einen guten Wochenstart
Marie
Flo
14. Dezember 2025 at 23:45Ich finde, man muss da unterscheiden zwischen der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes “Karma“, mit dem oft einfach nur Schadenfreude ausgedrückt wird und dem tatsächlichen Glauben an Karma, der sich im Buddhismus und im Hinduismus findet. Es wäre besser gewesen, diese klare Unterscheidung auch im Text zu machen, denn anderenfalls liest es sich ein Bisschen so, als wolltest Du den Glauben von Multimillionen Hindus und Buddhisten abwerten, die übrigens keineswegs allesamt alte weiße Männer sind.
Beim tatsächlichen Glauben an Karma geht es nicht um Schadenfreude. Im Gegenteil: Einer anderen Person etwas Schlechtes an den Hals zu wünschen, gibt nach diesem Glauben nämlich auch schlechtes Karma. Wer tatsächlich an Karma glaubt, braucht auch allein schon deshalb niemandem etwas Böses zu wünschen, weil er davon ausgeht, dass am Ende ohnehin jede Schuld gesühnt wird.
Ich persönlich glaube nicht an Karma, denn für mich ergibt das Konzept überhaupt nur vor dem Hintergrund des hinduistischen und buddhistischen Glaubens an Wiedergeburt Sinn, denn dass nicht jeder der Böses tut, dafür noch innerhalb seines jetzigen Lebens eine Strafe erhält, ist so ziemlich offensichtlich. Ein Donald Trump wird in diesem Leben wohl nicht mehr bestraft, auch wenn er es gewiss verdient hätte. Ich glaube nicht an Wiedergeburt und folglich glaube ich auch nicht an Karma.
Grundsätzlich ist mir die Vorstellung von Karma aber sympathischer als die christliche Vorstellung einer „Sündenvergebung“, die allerdings nur jenen zuteilwird, die gläubig sind und brav die kirchlichen Sakramente in Anspruch nehmen.
Beim Karma ist nämlich irgendwann einmal jede Schuld beglichen und jede Seele erfährt nach Abbüßen der karmischen Schuld die Erlösung. Das Christentum hingegen predigt oftmals ewigwährende Höllenstrafen.
Nehmen wir mal das Beispiel eines homosexuellen Atheisten, der Sex mit vielen verschiedenen Männern hat und sich niemals taufen lässt und nie beichtet. Wenn es nach der Doktrin der katholischen Kirche geht, fährt so ein Mensch für alle Zeiten zur Hölle.
Nach der Vorstellung von Karma hingegen wird der homosexuelle Atheist nicht bestraft, solange er bei seinem Verhalten kein Leid verursacht.
Wenn ich überhaupt irgendwie gläubig wäre, wäre ich jedenfalls noch lieber „Team Karma“ als „Team Kirche“.
Alu und Konsti
20. Dezember 2025 at 20:48Danke für die Erläuterung. Das ist sehr interesant. Die theologische Komponente habe ich nicht gezogen, finde deine Einwände aber interessant und wichtig. Ich habe mich eher auf das Internetphänomen “Karma regelt” gestürzt, was mich maximal abnervt.
lg alu