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Kindergartenkind

Ich suche Bauklötzchen in den Kinderzimmern

Bauklötze. Ein Abschied vom Vatersein.

Spielen Kinder mit Bauklötzen, so lese
ich, fördert das die Entwicklung ihres Verstandes. Ich kann das nur
bestätigen; als Kind spielte ich ausschließlich mit Bauklötzen.
Wir hatte natürlich auch nichts anderes. Selbst die frühen
Playmo-Männchen glichen Bauklötzen. Heute, da haben die Kinder viel
mehr. Aber haben sie auch Bauklötze? Mich ergreift ein starker
Drang, die Zimmerlandschaften meiner Kinder nach Intelligenzklötzchen
abzusuchen.

Ich suche Bauklötzchen

Im Bubenzimmer, hinter der Kiste mit
den Laserschwertern, werde ich fündig. Ein eher kläglicher Haufen
aus unbehandelter Buche. Man sieht ihnen an, dass sie vor allem als
Wurfgeschosse dienen. Warum bauen meine Kinder, immerhin habe ich ja
überdurchschnittlich viele, warum bauen sie nicht Städte, Brücken,
Kathedralen, warum nicht wenigstens zimmerhohe Türmchen? Ganz zu
schweigen von den kilometerlangen Dominoschlangen, wie wir sie noch
über Flure, Stockwerke, durch Vaters und des Nachbars Garten, über
die Eisenbahnbrücke bei Denzlingen und bis hinauf auf den Kandel,
den Feldberg, das Matterhorn führten? Aber gut, wir hatten natürlich
auch nichts anderes.
Bauklötze müssen her. Die echten und
wahren. Kantenlänge 15 mal 30 mal 60 Millimeter, alles andere ist
Mumpitz. Übers Internet ist das schnell bestellt. Die Würfelchen,
Brücklein, Kegel und Kanthölzlein – bunt! Auch noch bunt! – lasse
ich links und rechts liegen. Ich bin da eiskalt. Ich verzichte auch
dankend darauf, Klötze zu kaufen, auf denen „Jonah’s Bauklötze“
(sic!) steht. Meine Kinder heißen ja auch ganz anders.
Schon nach zwei Tagen wird die erste
Lieferung mit dem Kran auf den Balkon gehievt. Sofort baue ich das
Brandenburger Tor nach, Maßstab 1 zu 7. Im Schlafzimmer. Meine Frau
kann ja im Arbeitszimmer übernachten. Ich schlafe ab jetzt sowieso
nicht mehr. Das liegt daran, dass ich schon viel schlauer bin. Das
hilft mir bei der Verwirklichung der Eremitage auf dem Flachdach
unseres Hauses. Am zweiten Tag bilde ich auch noch sämtliche
Kunstwerke nach. Aber nur mit halber Konzentration, in Gedanken bin
ich schon bei der Nachstellung der Schlacht um Berlin an
Originalschauplätzen. Die Bauverwaltung des Senats unterstützt mein
Projekt – Public Private Partnership, Stadtrenovierung! – und lässt
den Tiergarten abholzen. Klötzchen werden vor Ort hergestellt. Von
Hand, das schafft Arbeitsplätze. Ich bin nun so schlau, dass ich die
Eurokrise, das Problem mit der Dreifaltigkeit und die Frage, warum
man die Plastiktüten an der Gemüsetheke nie richtig aufbekommt, in
nur einem halben Tag löse. Unterdessen stelle ich den Eiffelturm bei
laufendem Betrieb von Metall- auf Klötzchenbauweise um. Danach geht
es an den Orbitalfahrstuhl und die Kuppelstädte auf dem Mond.


Die Kinder kommen aus dem Urlaub zurück

Eine Woche später kommen meine Kinder
aus dem Urlaub zurück. Sie haben bei der Oma mit Puppen gespielt und
in der Küche geholfen. Der Bub sprang vom Dreimeterbrett. Die armen
Dinger. Sie hatten wohl nichts anderes. Ich übergebe sie der Obhut
meiner Frau. Das Raumschiff für die Marskolonisierung wartet. Ich
werde dort gebraucht. Ich spielte als Kind ausschließlich mit
Bauklötzen. 15 mal 30 mal 60 Millimeter. Und kein Scheiß.
Jost Burger

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