Seit dem ich Kinder in der Schule habe denke ich immer wieder an das Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey. Ein Knabe mit schlechtem Zeugnis fälscht die Unterschriften der Eltern. Diese stehen später vor dem Direktor dazu, dass die mit Buntstiften gemachten Krakelunterschriften von ihnen und nicht von ihrem Sohn, Reinhard, stammen.

Das erste Schuljahr von K2 verlief selbst auf der entschleunigten Montessori-Grundschule nicht so wie erhofft. Heute gab es Zeugnisse. Der Text der verbalen Beurteilung bei unserem Sohn klingt vernichtend. Er tut sich „sehr schwer“ steht dreimal in dem Fließtext.

Auch die positiven Einlassungen werden durch Einschränkungen relativiert. Er zeigt zwar prinzipiell ein gutes Sozialverhalten aber kann nicht mit anderen zusammenarbeiten. Er ist selten konzentriert und gibt zu oft seinen Impulsen nach. Lediglich seine Liebe für Musik in Singen, Takt und Tanz bleibt ohne Gegenpol bestehen. Also: Mein Sohn der Tänzer.

Mein Sohn der Tänzer

Auch wenn jeder Versuch ihn zum Tanzkurs zu bringen bisher fehl schlug, trotzdem: Dieses Bild, ist es was mich die Fassung behalten lässt. Er ist ein Traumtänzer im besten Sinne. Obwohl wir seit dem Halbjahr versuchen gegen zu steuern, ins SPZ gehen uns vielmit den Pädagogen treffen und uns den Kopf zermatern und jede Menge Zeit investieren ist der Knabe noch gut drauf. Doch seine Leichtigkeit schwindet, er merkt, dass etwas los ist. Ich hoffe nur, dass er noch etwas weitertanzt in seinen Welten voller Monster, Lego und Musik.

Zeugnistag_Was Zeugnisse anrichten können

Durch unser Herz und über unsere Nerven

Das in diesem Zeugnistext ist nicht mein Sohn. Vielleicht ist er es auch, doch nicht ganz. Im Ganzen tanzt er durch unser Herz und über unsere Nerven. Allzu oft haben wir ermatteten Eltern gar nicht die Kraft mitzutanzen und uns hineinziehen zu lassen. Wir laufen Gefahr bei diesem Kind weiter außen zu stehen als bei den anderen. Ich will etwas dagegen tun und mich in die Tanzveranstaltung zurück kämpfen. Aber wie richtig fördern wenn man nicht weiß wie genau?

Es wird noch sehr anstrengend und am liebsten will ich alles ignorieren. Doch das Rad hat sich begonnen zu drehen. Es gibt erst wieder eine heile Welt, wenn wir sie wieder geschaffen haben – zur Not auch nur für uns. Der Junge ist nicht dumm, er ist speziell, er ist impulsiv und er ist voller Liebe.

Jetzt weiß ich was Zeugnisse anrichten können und ich bin eigentlich ganz froh, dass ihn das nicht zu interessieren schien, doch er kann es fühlen. Heute habe ich ihn abgeholt kurz nach der Zeugnisausgabe. Er hatte gespuckt und war blass. Zu Hause angekommen ging es nur noch um Ferien, Lego und Tablet. Kein Bauchweh mehr, keine Pläne mehr heute, nur noch freie Zeit für die nächsten Wochen.

Das Förderinstrument dreht sich bereits

Wie es weiter geht? Keine Ahnung. Weitere Termine stehen an, vielleicht ein Medikament, vielleicht mehr Personal. Das Umfeld muss mitziehen – eine andere Schule irgendwann und ein erneuter Wechsel, vielleicht auch das – Tausend Ansprechpartner gibt es für diese Fälle. Allein vier Stellen berichten wir seit Monaten von unserem Sohn. Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt vor mir ein Junge der alle Chancen verdient hat und „sehr schwer“ mag es sein, aber es ist auch „sehr unterstützungswürdig“ – Auf zu neuen Ufern! Was ist schon normal, was ist förderungswürdig? Ich spätestens ab heute nicht mehr.

Hier noch mein Ohrwurm.

Lied zum Liedtext

Mit diesem Text bewerbe ich mich beim  scoyo ELTERN! Blog Award 2018. #scoyoelternblogaward

Konsti

Zeugnistag_Was Zeugnisse anrichten können