„Spürst du die Liebe?“, fragt der Mann den Sohn als wir ihn zwischen uns an den Händen halten. „Ja“, sagt der Sohn und dann driftet er wieder weg und erzählt von Superhelden, Schurken und sehr vielen anderen Dingen eines Universums das mir oftmals verschlossen bleibt. Reden, das kann das Kind gut. Konnte es schon immer. Reden! Reden! Reden! Nur mit Mühe kann man sich einen Platz ergattern in einem Gespräch das oftmals wohl eher ihm selbst gilt, als seinem Gegenüber. „Sein Sozialverhalten ist schlecht“, wurde uns gesagt „Er hat zu viel Chaos im Kopf“ hat man uns geschrieben. Vielleicht müsse man das eben doch alles untersuchen lassen und da sitzen wir nun seit Januar und lassen uns diagnostizieren.

Fühlen sie sich deswegen angespannt?

fragt mich der Psychiater bei einem Diagnose Elterngespräch und als ich „Nein“ sage, kreuze ich die Finger unter dem Tisch und weine erst später als mich eine Freundin fragt wie es denn mit der ganzen Nummer läuft.

Spuerst du die Liebe_Eine Welt voller Diagnosen

„Natürlich spannt mich die ganze Scheiße mega an“, möchte ich eigentlich schreien wenn mich jemand fragt, aber stattdessen weine ich einfach leise in mein Kissen oder selten am Telefon.  Sechs Monate lang gehen wir nun zu Terminen an denen das Kind „vortanzen“ muss. *Schaut er in die Augen?* *Kann er lesen?* *Wie fragt er Fragen, immer mit einem Hintergedanken?* *Ist er hyperaktiv?* *Kann er schnell laufen ohne zu humpeln?*

Viele tausend Fragebögen und Tests sind das und auch immer wieder Gespräche für den Mann und mich. Insgesamt fünf verschiedene Stellen sprechen mit uns, wollen helfen und exkludieren so ein Kind immer  noch mehr, bevor es doch eigentlich inkludiert werden soll.

Wir gehen brav zu all diesen Terminen, hören zu, beantworten Fragen und sprechen. Der Schule müssen wir erklären, den Großeltern berichten und dem Kinderarzt erläutern. Ich bin müde und meine Augen sind trocken vom Salz das sie abgeben. Ich fühle mich leer und gleichzeitig voll von all diesen Worten und Momenten in denen ich selbst das Kind nicht kennen kann und mich immer wieder frage

„Bin ich schuld? Habe ich etwas dazu beigetragen? Hab ich etwas falsch gemacht?“

Ich will doch eigentlich nur ein glückliches, ein frohes Kind haben, wieso ist das so?

Ich teste es manche Diagnosen auszusprechen und erschrecke mich selbst manchmal vor dem Klang dieser Worte die das Schöne, das Besondere unseres Kindes, so profan herunterbrechen wollen.

Spuerst du die Liebe_Eine Welt voller Diagnosen

Spürst du die Liebe?

„Spürst du die Liebe?“, fragt der Mann und „Ja“, ich spüre sie. Ich kann sie fast fließen sehen durch meine Adern. Kann sie wabbern sehen durch diesen Jungen der da in unserer Mitte läuft und den einige Arschlochkind nennen würden und der laut ist und so anstrengend. Ein Kind das so viel Wärme und Zeit braucht, das sich so oft verkriechen will und das sein Herz offen trägt, ganz offen für jedermann, und Platz hat darin, so viel Platz.

Vor dem Urlaub habe ich probiert tief ein- und auszuatmen. Ich habe versucht mir selbst zu erzählen, dass man nicht jeden Urlaub entspannt sein muss und das alles was gerade passiert einen tieferen Sinn hat.  All das hier, mein Schweigen zu diesem Thema, dieser Text jetzt mitten im Urlaub, diese vielen Termine und diese vielen Diagnosen. Sie haben nur ein großes Ziel, das weiß ich jetzt: Sie sollen unsere spürbare Liebe sichtbar werden lassen. Fangen wir an.

Alu