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Das Märchen von der Inklusion

Mein Schlüssel dreht sich im Briefkastenschloss. Ein dünner Brief, von einer der Gemeinschaftsschulen an denen wir das mittlere Kind beworben haben, liegt in meiner Hand. Dünne Briefe sind niemals gute Briefe, das weiß ich längst und so öffne ich den Umschlag schon mit wenig Hoffnung. „Wir können ihnen leider keinen Platz für ihren Sohn Konstantin anbieten, da wir ihn nicht optimal fördern können.“

Vollpfosten, Arschkrampen, Idioten. Mein Sohn heißt nicht Konstantin. So heißt mein Mann und Vater des Kindes, für das wir einen Schulplatz benötigen. Für den Vater suchen wir nicht seit mehr als sechs Monaten einen Platz auf einer Gemeinschaftsschule! Wahrscheinlich wäre er aber schneller unterzubringen, da er keinen Integrationsplatz benötigen würde. „Nicht optimal fördern“ können sie dieses Kind also. Na danke! Das Kind, was einen Integrationsstatus bei sich trägt, auf den wir lange warten mussten und einen Weg gegangen sind, der auch schmerzhaft für uns war.

Nicht eine der Schulen, an denen wir uns beworben haben, hat den Sohn bis jetzt zum Gespräch eingeladen, NICHT EINE!

Traurig ist das. Alle lesen nur „Status“ und die dazugehörigen Diagnosen und schwups springt anscheinend der Drucker automatisch auf ABLEHNUNG. Dabei verpassen diese Menschen so viel. Sie verpassen einen Sohn, der sozial sehr gut angebunden ist. Fast jeden Tag bekomme ich Nachrichten von Müttern, deren Kinder sich verabreden wollen. Sie verpassen einen Sohn der anfängt zu lesen und der jeden Buchstaben nicht nur auf seiner Zunge, sondern scheinbar auch in seinem Herzen bewegt. Sie verpassen ein Kind, was ohne Mühen Kopfrechnen und Malfolgen wiederholt und dieses Wissen nur zu gern anwendet. Sie verpassen einen großen Bruder, der jeden Tag neue Geschichten erfindet und Bilder für seine große Schwester dazu malt. Sie verpassen einen kleinen Bruder, der Witze erzählen kann, bis das Kleinste lachend auf dem Boden liegt.

Das_Maerchen_der_Inklusion

Sie verpassen ein Kind, ein besonderes Kind, unser wunderbares Kind.

Wir überlegen seit längerem, ob wir den Integrationsstatus nicht weglassen sollten in unseren Bewerbungen. Zu schmerzhaft sind die immer wieder neuen Besichtigungen, Hoffnungen und dann diese Ablehnung. Was nützen mir da die vielen Versprechungen der Homepages wie “Gemeinschaft, soziale Zusammengehörigkeit und Kreativität”? Es fühlt sich nicht so an. Ich fühle mich nur noch veräppelt.

Es wäre nicht richtig zu lügen!

Er ist nun mal genauso so wie er ist, und das so viele Schulen (unter fadenscheinigen Gründen) dann alle plötzlich doch keinen Platz mehr haben, das ist wirklich frappierend. Es zeigt mir, dass diese ganze Inklusionsdiskussion noch ganz am Anfang steht. Anscheinend ist sie eben doch nicht gewünscht und wird auch nicht gefördert.

Das_Maerchen_der_Inklusion

Inklusion durch Exklusion? Ist dies das Ziel?

WIR als Eltern können ihn nicht optimal fördern und unterstützen, wenn wir ihm einen weiteren Schulwechsel nach sechs Jahren Grundschule zumuten. Er braucht eine Gemeinschaftsschule, die ihn von Anfang bis zum Ende seiner Schullaufbahn begleitet.

Er braucht eine Vision.

Unser Sohn ist eine verdammt treue Seele. Er braucht Routine und Geborgenheit und blüht auf, wenn er sich sicher und gesehen fühlt. Immer wieder vermitteln ihm alle wie „ANDERS“ er ist. Er ist nicht dumm, er fragt viel deswegen „Warum bin ich so?“ „Gibt es noch andere Kinder?“ „Was bedeutet das für mich“? Jeder Arztbesuch kostet ihn Kraft und ich kann ihm derzeit nicht mal eine Perspektive bieten. Ich lese ihm viel dazu vor. Ich versuche ihm Menschen vorzustellen die ähnliche Diagnosen haben. Ich zeige ihm welche Power, welche Kraft in ihnen steckt. Aber: DAS REICHT NICHT! Er braucht einen sicheren Hafen, neben dem Elternhaus (und eine Umgebung) die das Beste aus ihm rausholt. Er braucht Menschen die Lust haben ihn zu begleiten, damit er später Lego Erfinder, Programmierer oder Tischler werden kann.

Er braucht eine Chance.

Alu

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11 Comments

  • Janine
    2. März 2019 at 00:00

    Während ich deine Wut absolut verstehe, würde ich mir wünschen, dass du weniger plakativ buzzwords rumwirfst. Inklusion scheitert nicht, weil dein Kind nicht zur dritten an die Privatschule kann, die sind halt voll. Meine Tochter ohne Status (gleiche Klassenstufe) ist auch auf Wartelistenplatz 500. ich glaube tatsächlich, dass die inklusion zu großen Teilen scheitert, hier aber an organisatorischem. Ich finde das Apples and oranges. Davon abgesehen rate ich dir, nicht nur fancy Privatschulen anzugucken- gute staatliche Schulen mit offenem Konzept haben meist bessere Lehrer (mehr €) und Netzwerke bei Schwierigkeiten, vielleicht da mal umhören?

  • Alex
    2. März 2019 at 08:20

    Oh man, ich kann euch echt verstehen!!
    Aber eins möchte ich euch noch mitgeben: der Möglichkeiten der Unterstützung der Kids mit Status sind sowas von begrenzt, das Kontingent an Stunden extrem aufs Nötigste reduziert. Die Schulen Pfeifen aus dem letzten Loch. Ich könnte mir vorstellen, dass es daher manchen (!) Schulen wirklich nicht möglich ist eine richtige Unterstützung anzubieten und sie daher keinen Platz anbieten, was dann nur ehrlich ist.
    Das einen das zum verzweifeln bringt glaube ich dir sofort. Die Schulärztin meinte auch dass das Kind für dieses und jenes zunächst Unterstützung bräuchte, aber selbst mit Status gibt es kaum was, nur den Status auf dem Papier, der es dann halt wieder doch nicht einfacher macht. Wir hatten dann einfach nur pures Glück mit den Lehrkräften und Erziehern, die unser Kind begleiten und unterstützen.
    Mir sind beide Seiten bekannt und sie sind beide nicht einfach, unterm Stroch für alle einfach nur frustrierend. So hoffe ich ihr findet bald den Platz den ihr benötigt!
    Alles Liebe

  • Bettina Krück
    2. März 2019 at 09:28

    Ihr LIeben, Inklusion ist ja auch ein Thema, das mich sehr bewegt (privat durhc meinen Sohn mit Downsyndrom und beruflich durch den Onlinekongress für Inklusion, den ich gerade organisiere). Ich kann Euhc nur raten: Gebt nicht auf, vernetzt Euch, holt Euch Beistand durch Elterngruppen und – beratungsstellen! Ich bin letztes Jahr auf sehr viel Widerstand gestoßen, aber mein Sohn ist heute ein glücklicher Erstklässler!

  • Ira
    2. März 2019 at 09:48

    Oh ja ich halte es auch für ein Märchen. Wobei ich finde in der Grundschule klappt es einigermaßen. Allerdings ist das bei den weiterführenden Schulen anders.
    Wir suchen auch seit einem halben Jahr nach einer Schule fürs Kind und bis jetzt kamen immer Absagen. Keine Kapazität, er wäre auf der Förderschule besser aufgehoben (die Lehrer dort sehen ihn dort nicht und meinen er würde unterzugehen)… Immer wieder Hoffnungen die dann enttäuscht werden.
    Ich drücke uns und unseren Söhnen die Daumen das sie ihren Hafen bekommen.

  • Sara
    2. März 2019 at 20:21

    Danke Alu!
    Kenn ich. Leider.
    Nur andersrum.
    Die Wut. Der Frust.
    Ist das Gleiche.
    Trotzdem weiterkämpfen.
    Unsere Kids müssen es ja auch.

  • Rose
    2. März 2019 at 20:23

    Ich kann mit euch mitfühlen. Ich selbst kann das Wort Inklusion gar nicht mehr hören, weil ich selbst in dieses System als Förderlehrer in Thüringen eingebunden war. Ich habe sehr viele Kinder in zwei Grundschulen betreut, war ständig dort vor Ort. Zuletzt habe ich an einer der GS ein Mädchen mit Downsyndrom gefördert.. Sie saß zwar in der Klasse mit drin, hinten auf der letzten Bank ((Förderlehrer oder Betreuer daneben), hatte andere Arbeitsblätter, zwar angelehnt an den Plan der Klasse, aber war dennoch für sich. Manchmal musste ich sie auch in der Einzelförderung betreuen. Wenn ich nicht da war, übernahm eine nichtausgebildete Kraft, die im Sozialdienst angestellt war ,die Betreuung und “Aufsicht”….. Für mich war dies keine Inklusion…. Obwohl ich in den Beratungen immer wieder Vorschläge unterbreitete, wurden sie von den Lehrern nicht umgesetzt und auch nicht angenommen…. (wir haben dafür keine Ausbildung war das Argument)…Da stimmten die materiellen, personellen und räumlichen Bedingungen nicht vorne und hinten. Das Mädchen war 6 Jahre in der Grundschule und wechselte dann automatisch auf die Regelschule. Das zuständige Schulamt sorrgte für den reibungslosen Übertritt. Auch hier hatte das Mädchen die Sozialhelferin (die sie bereits in der GS betreute) und einen Förderlehrer vom Regionalen Förderzentrum (für Lernbehinderte) zur Seite., lernte aber auch, ohne diese Begleitperson auszukommen.
    Aber auch die anderen Schüler, die ich in der Grundschule noch förderte, bekamen die Betreuung im Unterricht (als Zweitlehrer) oder manchmal in der Einzelförderung…. Doch dies war oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein…. sie hätten viel mehr Förderung gebraucht.

    Natürlich läuft diese Inklusions-Geschichte in jedem Bundesland anders. Ich finde, dass von staatlicher Seite endlich die Voraussetzungen und Bedingungen für eine reibungslose Inklusion geschaffen werden müssen und den Eltern, die dies für ihre Kinder wünschen auch als Unterstützung angeboten und durchgeführt werden muss. Auch die Berechtigung der Förderschulen sollten weiterhin Bestand haben.

    Euren Frust kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich würde mich an das zuständige Schulamt oder die Bildungsministerin wenden und wenn es gar nicht geht an die Öffentlichkeit (Fernsehen).
    Ein Kind mit Förderbedarf, welches sich in der GS so gut entwickelte darf nicht einfach auf der Strecke bleiben…. Ich drücke euch die Damen, dass ihr noch eine passende Schule findet.

  • Thies
    3. März 2019 at 21:32

    Ich fühle mit euch… Vor uns liegt noch ein Jahr Kita. Gott sei Dank. Und dann? Der Gedanke an Schule macht mir Angst. Angst, dass mein Kind anecken und einstecken wird. Nicht willkommen ist. Weil es anders ist. Die Welt anders sieht und versteht. Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr eine passende Schule findet. Ihr seid nicht allein…
    Liebe Grüße
    Thies

  • Rike
    4. März 2019 at 14:35

    Du weißt, wir haben den selben Weg vor einigen Jahren beschreiten müssen. Damals war es so, dass unser Junge so “besonders” war, dass er auf eine Sonderschule gehöre, angeblich. Die dort sagten, was? IQ 140?! Der muss auf ein Gymnasium! Alle Gymnasien der Stadt lasen nur die Diagnosen und I-Status und I-Helfer und sagten: NEIN, sorry, wir sind voll. Schade, leider. Und das Schulamt meinte, tja, das entscheiden eben die Gymnasialdirektoren alleine, da können wir leider gaaaar nichts machen.
    Ich kann Deine Verzweiflung so gut nachvollziehen.
    Aber irgendwo wird es einen Ort geben für das Kind. Unser Ort war eine Privatschule, die nicht soooo viel kostete und die sagten, okay, wir probieren es! Wir wissen auch nicht wie, aber wir wollen es gern versuchen! Und dort war er gut aufgehoben. Bei dem selben Träger macht er nun im zweiten Jahr sein Abitur.
    Ich wünsche Euch gute Nerven und Durchhaltevermögen. Und ja, es gibt noch sehr viel zu tun! Bildungs- und überhaupt politisch.
    Tschakkafaust, Deien Rike

  • Dresden Mutti
    4. März 2019 at 16:35

    Oh, es tut mir leid, das zu lesen und ich drücke euch die Daumen, dass sich doch noch eine Tür für deinen tollen Sohn öffnet.

  • Anonym
    14. März 2019 at 23:44

    Hallo, vielleicht kommt ja noch erschwerend hinzu, daß die Schulen, die evtl. in Erwägung ziehen, eine Zusage zu schicken, sich darauf einstellen müßten, in diesem Blog auch noch diskutiert zu werden wenn mal etwas nicht so gut läuft. Ihren Namen gegoogelt müßte eine Schule Sie finden können…

  • Alu und Konsti
    15. März 2019 at 18:42

    Hallo, danke, dass Du das erste Mal unseren Blog besuchst. Wer schon länger bei uns liest, der weiß:1. Wir schreiben NIE über aktuelle Einrichtungen unserer Kinder 2. Die Identität unserer Kinder werden geschützt und 3. Wir sind Fans der Meinungsfreiheit. Viele Grüße Konsti und Alu

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