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Elternleben Schulkind

Der Berliner Inklusionsdschungel ist wild und gefährlich #Nixklusion

Heute saß ich mal wieder beim Jugendamt, ganze zwei Stunden habe ich dort verbracht um zu warten. Eine persönliche Vorsprache wurde erwartet. Hallo Digitalisierung der Verwaltung. In diesen 120 Minuten des Verweilens ergaben sich zwei weitere Termine die ich für unser Kind noch in diesem Monat erledigen darf, denn Überraschung: Wir sind umgezogen. Nein, wir haben nicht Europa verlassen, oder das Bundesland. Wir sind “nur” innerhalb von Berlin umgezogen. Trotzdem fühlt es sich so an, als ob wir weit-weit-weg gezogen sind, denn mit einem Bezirkswechsel geht im Falle von Hilfeleistungen für ein Kind auch das Problem einher, dass man ALLES neu beantragen darf und muss.

Inklusionsdschungel_Berlin

Das bedeutet, unser Kind hat in den letzten 18 Monaten tolle Hilfen erhalten, Therapien die eine schleichende, aber hoffentlich langfristige Besserung für ihn erwirken können und nun: Muss ich alles neu beantragen, überall vorsprechen und vor allem: Das Kind wieder erneut überall “vorstellen”. Wer bei all diesen Terminen an: “Das ist doch nur spielen für das Kind” denkt, dem sei nach mehr als drei Jahren in dieser Mühle zwischen Testungen, Vorsprachen, Anträgen und vor allem einem hin und her zwischen gefühlten 10 AnsprechpartnerInnen (und die meisten Menschen waren wirklich sehr nett) für eine Hilfeleistung gesagt: DEM IST NICHT SO.

Diese Termine prägen ein Kind.

“Ja, was hast du denn?”

“Wie geht es dir denn mit x, y?”

“So so, du kannst also noch nicht x, y.”

“Kannst du mal laufen, hüpfen, mir in die Augen schauen?”

usw. usf.

In ziemlich vielen dieser Termine werden Diagnosen, Schwierigkeiten und Defizite vor dem Kind verlesen und besprochen.

Das Märchen von der Inklusion #Nixklusion

Wenn mein Kind mir am Abend dann sagt “Ich kann sowieso nichts, Mama”, dann kommt das auch von diesen Terminen. All diese Menschen die das Kind mal  schnell “kennenlernen” wollen und dem Kind das Gefühl geben “Du hast was. Du bist anders”, als ob der letzte Therapeut völlig andere Erkenntnisse als sie selbst auf Papier geschrieben hätte.

Selbst wenn man als Eltern immer das Beste für seine Kinder möchte, so braucht man im Berliner Inklusionsdschungel nicht nur wahnsinnig viel Zeit, sondern auch viel Geduld und Nerven!

Der Mann und ich teilen uns inzwischen in diese vielen Termine rein, brauchen dafür seine Überstunden und Urlaubstage auf. Wir führen einen extra “Inklusionskalender” mit Terminen und anstehenden Verabredungen für das Wertvollste: unser Kind.

Heute saß ich also beim Jugendamt, stellte dort parallel einen Antrag, verabredete einen anderen Termin für eine weitere Antragsstellung und bereitete einen weiteren Antragstermin für den nächsten Montag vor.

Danach war ich fix und alle und wollte mich hinlegen.

Ich fragte mich in diesem Moment: Wie schaffen das Alleinerziehende, diese Last die dadurch entsteht, dass man ein Kind mit Status aufzieht? Wie schaffen das Menschen mit geringerem Sprachverständnis? Wie schaffen das Menschen mit einem Hintergrund der vielleicht selbst mit einem Status belastet ist?

Ich als Mutter mit einer unbändiger Liebe für mein Kind, die dadurch ihre Kraft für all diese Termine und Vorsprachen zieht, selbst ich komme eindeutig an meine Grenzen. Ich habe neulich in einem dieser Termine angefangen zu weinen, einfach weil ich selbst nicht mehr verstanden habe welche Stellen uns nun auch noch “kennenlernen” wollen und einfach irgendwann gesagt “Tut mir leid, ich verstehe es einfach nicht.”

Viele Eltern geben spätestens an diesem Punkt auf.

Sie lassen ihre Kinder unter dem Radar laufen und versuchen sich zu verstecken, einfach weil sie müde sind. SO MÜDE. Eine Leserin schrieb mir: Diese RadarfliegerInnen würde es auch in der anderen Richtung geben. Familien in denen Hilfe dringend benötigt werden, ziehen einfach in einen anderen Bezirk und sind somit auch oft “die nervigen Menschen von x-Ämtern” los.

Ich schaffe es gerade wieder Anträge bis Ende des Monats zu bearbeiten, die faktisch gar nicht bearbeitet werden können. Ich rufe Menschen und Stellen an, setze mich hin und kopiere inzwischen alle Unterlagen fünffach! Einfach aus Vorsicht!

Ich frage mich aber trotzdem: Wie soll das gehen? Wie sollen Eltern das neben der täglichen psychischen und zeitlichen Belastung alles noch schaffen?

Wo ist er denn, die/der Inklusionbeauftragte jedes Bezirks (war mal angekündigt) der ALLE Eltern/ Pflegenden/ Verantwortlichen an die Hand nimmt und ihnen diese unnötigen “Stellen sie bitte hier einen Antrag, damit wir überhaupt eine Akte aus einem anderen Bezirk anfordern können” Unterschriftstermine einfach erübrigt? WO?

Berliner Inklusionsdschungel_Sonnenblume

Ich habe nach dem Termin heute einen Moment im Auto gesessen und darüber nachgedacht wie ich dem Kind diese neue Welle an Menschen, Terminen und Prüfsituationen erklären werde und ehrlich: Ich habe noch keine gute Idee.

Allen Menschen die in solch einer, oder ähnlichen, Situation sind kann ich nur sagen: Haltet durch! Bleibt stark und geht nicht verloren im Berliner Inklusionsdschungel. Ihr seid nicht allein.

Eure Alu

Der ungewollte Sohn #Nixklusion

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6 Comments

  • TAC
    11. Februar 2020 at 22:11

    Genau das möchte ich zurück rufen: Haltet durch, ihr seid nicht alleine!
    Auch ich sitze bei Terminen und heule… weil ich nicht mehr kann… weil ich das Gefühl hab, echte Hilfe eh nicht zu bekommen… weil ich zum x-ten Mal eine Situation schildere… weil mir es unendlich nahe geht… weil es mein Sohn ist, um den es geht.
    Wir brauchen dringend einen Arztbrief, nur mit dem können wir eine dringend benötigte Ergo bekommen. Den ersten Termin hatte ich schon, dabei sind Ergopraxen hier in der Gegend unterbesetzt und Termine Mangelware.
    Was fehlt ist der Arztbrief. Der uns eigentlich schon seit Juni letzten Jahres zugehen soll. Immer wieder werden wir vertröstet, wird uns erklärt, dass er “spätestens nächste Woche” raus geht…
    Das alles zieht sich seit 2,5 Jahren, Sohnemann wird 10. Das ist ein Viertel seines Lebens, was er in der Zeit hätte alles lernen können, wenn er gleich passende Hilfen bekommen hätte…
    Hach ja.
    LG von TAC

  • Alu und Konsti
    11. Februar 2020 at 22:14

    uff!
    Halte durch! lg Alu

  • janine
    12. Februar 2020 at 10:48

    Genau.so.
    Genau so ging es uns über Jahre! Zwischenzeitlich bin ich mehrfach innerlich zusammengebrochen, ob der Last die auf unseren Elternschultern aber letztlich ja auch auf denen der gesamten Familie liegt… Die Geschwister „fallen“ (aufmerksamkeitstechnisch) oftmals ohnehin „hinten über“, aber diese ständigen sich wiederholenden „Kennenlern- und Vorturn“-Termine (Meine Güte, genau dafür habe ich keine Zeit! Mein(e) Kind(er) brauchen mich!!! Und (lohn-) arbeiten muss ich „nebenher“ auch noch!) lassen einen wirklich verzweifeln!
    Auch das irre, mühsame Zusammensuchen JEGLICHER relevanter Informationen und Hilfen ist ein Graus und Unding, frisst Zeit und Nerven…ach, Sie sagen es!
    Da läuft so viel schief und das auf dem Rücken der betroffenen Kinder und der dazugehörigen Eltern!
    Und dass Eltern hinschmeißen, damit wird (von Ämterseite aus) sogar gerechnet. Das hat man uns zwischenzeitlich genau so gesagt.

    Viel Kraft Euch allen weiterhin u. liebe Grüße
    j.

  • Alu und Konsti
    12. Februar 2020 at 16:31

    Das kann so nicht weitergehen. lg Alu

  • Nadine
    7. März 2020 at 00:13

    Antwort einer Frau, die mit Familien arbeitet, die mehrfach belastet sind – sei es durch Mehrsprachigkeit, Asylaufenthalte, eigene Diagnosen, Traumata… Die schaffen es einfach teilweise nicht. Definitiv ist das System falsch und nicht die Kinder. Leider wird nur so oft von Mitarbeitende, im System, das Kind als falsch, defizitär, nicht richtig angesehen, weil das System zu verändern für den Einzelnen nicht machbar ist. Und ich kann das total gut nachvollziehen.
    Und Inklusion ist total wichtig, darf aber einfach nicht heißen, dass alle in das aktuelle System gepackt werden und funktionieren sollen, sondern das wir das System so verändern, dass wir allen Kinder sinnvolle Räume und Möglichkeiten bieten.

  • Martina von Jolinas Welt
    24. September 2020 at 14:40

    Och menno.
    Ich stecke ja tief im Thema Inklusion bundesweit durch meinen Wahnsinn eine große Down-Syndromgruppe auf fb alleine zu stemmen seit 10 Jahren.
    Was mir immer auffällt es gibt Orte da ist es ziemlich “normal” auch mal etwas mehr Hilfe zu benötigen, sprich man versucht Inklusion und man geht auch offen damit um, dass man ein Kind mit Behinderung hat.
    Absoluter Vorreiter ist Köln, dann kommt Hamburg und Stuttgart, Nürnberg ist auch sehr offen wobei München sich eher bedeckt hält, das passt nicht zum noblen Leben, auch Frankfurt ist da eher still und Berlin ist mit dem ganzen Osten von Deutschland irgendwie ein Dschungel in dem es fast einem Makel gleich kommt, in dem man um jede Hilfe kämpfen muss und auch die Ärzte und Ämter null Plan haben.
    Ich drücke euch die Daumen, dass es für euch gut wird, und dass sich die Kämpfe lohnen.

    Ich habe immer gesagt: “Es ist nicht schlimm ein Kind mit Behinderung zu haben, schlimm ist, dass man für jede Kleinigkeit kämpfen muss, wo man die kraft doch an anderer Stelle bräuchte”

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