In den letzten Wochen durfte ich wieder viel über Krebs sprechen. Dieses Mal jedoch war es anders, fühlte sich anders an, das Sprechen, das „Krebs zum Thema machen“, das Reden über einen Club, in dem niemand sein will.Ich spreche seit Juli 2022 viel über Krebs, ich weiß, einige sind davon genervt, fragen sich vielleicht auch, „Warum redet die da so viel drüber“, „Warum macht sie das so viel zum Thema“ oder vielleicht auch „Ist das nicht mal irgendwann auserzählt?“ Aber SPOILER: Es wird niemals auserzählt sein, weil der Krebs und das Thema seit 2022 ein Teil von mir sind. Ich wünschte mir so oft, dass es anders wäre.

Abendspaziergang!
Sicher, ich kann es inzwischen eben anders, mit mehr Abstand betrachten und auch darüber sprechen, aber ich kann nicht und nie wieder dazu schweigen. Ich kann nicht wegsehen oder hören, wenn liebe Menschen daran erkranken oder sterben. Ich kann nicht so tun, als würde es mich nicht betreffen, wenn ich mitbekomme, dass Frauen einfach „das Beste hoffen“ und nicht zur Früherkennung gehen. Ich kann nicht stillstehen, wenn ich mitbekomme, wie seltsame Instagram Influencerin Pülverchen verkaufen, die Metastasen heilen sollen und ich kann nicht als nicht hinzuschauen und darüber zu reden. Krebs ist ein bisschen wie lästiger Müll am Schuh, den man mitschleift und den man beim Auftreten immer mal wieder spürt. Man fragt sich dann an einigen Tagen „Warum laufe ich gerade so schief? Warum fühlt sich mein Gang so seltsam an?“ und kontrolliert seine Schuhe. Man findet das Plastikstück, oder anderen Müll, und versucht es aus seiner Sohle zu puhlen, scheitert aber kläglich und irgendwie ist es eben so eingetreten, dass es dann doch hängen bleibt und dass man es mitschleift, jeden einzelnen verdammten Tag.
Sicher, ich bin derzeit nicht krebskrank, aber ich bin auch nicht gesund. Ich gelte als chronisch krank und kann deswegen auch nicht mehr so arbeiten wie vorher. Ich muss für die nächsten acht Jahre jeden Tag Tabletten nehmen, die mich in den künstlichen Wechseljahren halten, ich bekomme alle vier Wochen riesige Depotspritzen, die meine Eierstöcke lahmlegen. Ich habe Schmerzen, Nebenwirkungen und ätzende Autoimmunkrankheiten, die nur mit krassen Medikamenten und einem strikten Diät- und Sportprogramm in Schach zu halten sind. Ich lebe oft das Leben einer 80-Jährigen und wenn ich mal am Abend ausgehe, dann bin ich danach tagelang erschöpft und kann teilweise nicht aufstehen. Die Fatique haut mich oft aus den Socken und so ist mein Leben zwar mein Leben aber oft weit weg von mir.
All das sieht man mir nicht immer an. „Frisch siehst du aus“, „Gut siehst aus“ und ich freue mich, dass viele Menschen mir solche Komplimente machen. Ich fühle mich auch sportlicher denn je, spüre Muskeln wachsen und fühle mich großartig, aber da ist immer wieder diese Grenze in mir, diese Stille und diese Sorge: Mache es jetzt! Alles ist jetzt! Morgen kann es wieder so weit sein. Ein neuer Knoten? Metastasen? Ein neues Urteil. Ein neuer Krebs.

Ich spüre selten Leichtigkeit. Lachen fällt mir schwerer als früher, Konzentration sowieso. Ich muss also reden. Ich muss reden darüber, wie es sich anfühlt ICH und doch nicht mehr ICH zu sein. Ich muss darüber sprechen, wie es sich anfühlt ein Buch darüber schreiben zu dürfen und gleichzeitig Angst davor zu haben, dass es vielleicht niemand lesen will. Ich werde in den nächsten Wochen (hoffentlich) noch mehr über Krebs sprechen dürfen. Denn dieser Krebs, der ist ein Teil von mir, ein Stück Müll an meinen Schuhen, ein weiterer Teil meines Lebens und so wie alle anderen Teile meines wunderbaren Lebens besprochen werden, so werde ich auch über diesen Teil nur zu gerne reden – gern auch mit Dir/ Euch –

Meldet Euch bei mir, wenn ihr Interesse an Lesungen oder Veranstaltungen rund um das Thema Krebs habt. Ich bin eine unfreiwillige Expertin, die ein tolles emotionales Sachbuch geschrieben hat. Ich habe zwei Jahre daran gearbeitet und mit vielen Menschen dazu gesprochen. Mein Buch „Meine Familie, der Krebs und ich“ erscheint am 18. April im Gräfe und Unzer Verlag ist bereits vorbestellbar und ist genau dafür geschrieben worden, um Menschen in dieser Lebensphase emotional und praktisch unterstützen zu dürfen. Also lasst uns reden, über das Buch und über das Leben.
Alu




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Almut
15. März 2026 at 08:49♡