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Elternleben

Adoptiert: Wie es mein Vatersein prägt #Gastpost

Wir veröffentlichen immer wieder Gastbeiträge, dieses Mal von Richard, vom Vater-Sohn-Blog, der bei uns über Adoption schreibt.
Ich hatte das, was man eine glückliche, unbeschwerte Kindheit nennt. Meine Eltern waren finanziell unabhängig, mein Bruder & ich konnten uns in allerlei Hobbys austoben & durften einfach Kind sein. Und doch trage auch ich meinen ganz persönlichen Rucksack mit mir durchs Leben. In diesem Rucksack befindet sich die Adoption meines Bruders & mir. Nur wenige Tage nach unserer Geburt sind wir als Adoptivkinder vermittelt worden. Bis heute haben wir unsere biologische Mutter nie kennengelernt. Ganz zu schweigen von unseren Vätern. Wie es dazu kam, wie ich mich dabei fühle und welche Auswirkungen dieses Erfahrung auf meine Vaterschaft hat, liest Du hier in meiner Geschichte.

Adoptiert – zwei geschenkte Leben

Meine Mutter schenkte mir im April 1983 das Leben. Sie war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre jung & es war ihre zweite Geburt. Bereits knapp drei Jahre zuvor schenkte sie meinem Bruder das Leben, mit grade einmal 16 Jahren. Vielleicht fragst Du Dich jetzt, wieso ich den Begriff „Schenken” verwende? Nun ja, ich möchte behaupten, sie war mit 16 ein Teenager bzw. eine junge Frau. Eine junge Frau, die eine Entscheidung treffen musste.
Sie war 16 & hatte einen Freund. Eins kam zum anderen & sie wurde schwanger. Ich mag mir nicht im entferntesten Ausmalen, welche Emotionen ein junger Mensch, in dem Moment der Erkenntnis einer ungewollten Schwangerschaft, durchlebt. Fakt ist, sie entschied sich für die Schwangerschaft, für das Leben eines Menschen. Gleichzeitig entschied sie sich in dem Zuge auch für eine Adoption. Ich denke, es war eine rationale & mit 16 eine sehr fürsorgliche Entscheidung. Vielleicht aber auch eine von Angst geprägte Entscheidung, mit der es sich besser Leben ließe.
Vater-Sohn Papablog_adoptiert
Mit 19 wiederholte sich diese Geschichte. Mit dem Unterschied, dass der Partner – mein biologischer Vater in dem Fall – ein anderer war, als bei meinem Bruder. Dumm gelaufen…!? Somit haben wir also die gleiche Mutter, allerdings verschiedene Väter. Ein Fakt, der es unwahrscheinlich macht, dass wir unsere Väter jemals kennenlernen werden.
Adoptiert_VaterSohnBlog
Jedenfalls entschied sie sich wieder für das Leben, mit dem Wunsch, dass wir als Brüder gemeinsam aufwachsen würden. Ein edler Wunsch, der – ohne dass ich die damaligen Abläufe kenne – vom Jugendamt, aber vor allem von unseren Adoptiveltern, möglich gemacht wurde. Sie wurden mit diesem Wunsch kontaktiert & haben nicht lange gezögert. Irgendwie surreal, wenn ich darüber nachdenke. Und Dankbarkeit, die ich dabei empfinde. Sowohl für unsere biologische Mutter, als auch für unsere Adoptiveltern.

 Die psychischen Folgen meiner Adoption

Welche psychischen Folgen bringt eine Adoption mit sich? Sicherlich ist dazu jeder Fall individuell zu betrachten. In meinem Fall ist es etwas, was mich vor allem unterschwellig begleitet. Dazu zählen in erster Linie Vertrauens- und Verlustängste. Vor allem, seitdem ich selbst vor ca. 2 1/2 Jahren Vater eines Sohnes geworden bin, keimen diese Gefühle wieder auf. Hinzu kommen aber auch positive Aspekte. Mir ist es extrem wichtig, ein guter Vater zu sein und eine liebevolle Bindung zu meinem Sohn zu haben. Ich möchte ihn diese Erfahrungen nicht machen lassen und habe den Drang, alles richtig in Sachen Kindererziehung und Bindung zueinander zu machen. Ihm Selbstvertrauen zu schenken und ihn in seiner Entwicklung zu fördern und zu bestärken. Aber vor allem da zu sein. Ihm diese Sicherheit zu geben, Papa und Mama sind immer da.
Was meine psychischen Folgen der Adoption betrifft, gibt es vieles, was damals auch zwangsläufig nicht mitgegeben werden konnte. Was für die Entwicklung eines Babys, Kleinkindes & Kindes erheblichen Einfluss hat. Sowohl gesundheitlich, als auch mental. Dies beginnt beim nicht vorhandenen Stillen mit Muttermilch. Nachweislich sehr wertvoll in puncto Bildung von Antikörper z.B. Seit frühester Kindheit plage ich mich mit Heuschnupfen bzw. einer inzwischen daraus erwachsenen Kreuzallergie.
Es fehlt aber auch an Bindung. Nach der Geburt eine knappe Woche ohne Mutter und ohne Bonding etc. hinterlässt Spuren bei einem Menschen. Egal ob Säugling oder Erwachsener.

Die Beziehung zu meinem Sohn

Ich konnte mir immer sehr gut vorstellen, Vater zu werden. Mit fortschreitendem Alter und einer Partnerin – meiner jetzigen Frau – sowie einer beruflichen Perspektive, haben wir uns intensiv mit dem Thema Eltern werden auseinandergesetzt. Dementsprechend ist Hugo ein absolutes Wunschkind und unser ganzer Stolz.
Hugo ist aus gesundheitlichen Gründen per Kaiserschnitt zur Welt gebracht worden. Ein Umstand, der uns vorab einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat, andererseits allerdings mir als Vater die Möglichkeit gegeben hat, das Bonding direkt nach der Geburt erleben zu dürfen. Ein für uns beide einzigartiges und so unwahrscheinlich prägendes Erlebnis. Ein Akt, der sich auf die weitere Bindung so tiefgreifend positiv auswirkt, dass ich überzeugt bin, hier einen der Gründe für unser inniges Verhältnis zu haben.
Generell ist mir die Bindung zu unserem Sohn sehr wichtig. Mein enormer Drang, für ihn da zu sein, ihm mein Interesse zu zeigen und mich mit ihm auf Augenhöhe zu bewegen, ist sicherlich auch ein Überbleibsel dieser traumatischen Erfahrung. Weiterhin versuche ich, ihn zu unterstützen, ihn zu ermutigen und gleichzeitig auch Sicherheit zu geben. Erfahrungen, die ich durch meine Adoptiveltern erfahren habe und die so ungemein wichtig für ein Kind sind.

Adoptiert – positiver Ausblick auf meine Vaterschaft

Ich denke, ich gehe relativ nüchtern mit diesem sehr persönlichen Thema um, weshalb ich versuche, die negativen Einflüsse für mich und die Bindung zu unserem Sohn ins positive zu wandeln. In meinem Unterbewusstsein begleitet mich diese Erfahrung, aber ich möchte Hugo auch ein so wundervoller Vater sein, wie es mein Adoptivvater ist. Wir haben so viel Liebe und Geborgenheit von unseren Eltern erhalten, dass ich all das jetzt weitergeben kann. Diesen Fundus an positiven Vatereigenschaften versuche ich nun auf meinen Sohn zu übertragen.
Ich liebe es Vater zu sein. Diese Achterbahnfahrt, als Familie durch Höhen und Tiefen zu gehen. Wenn man sein eigenes Kind in seiner neuen Welt begleiten darf.
Ich bin unendlich dankbar, jeden Tag ein Teil seiner Entwicklung zu sein, ihm zuzuschauen, wie er seine Umwelt entdeckt und wie sich sein Charakter formt. Es ist ein bisschen, wie in einen Spiegel zu schauen. Ich sehe ganz viel von mir selbst in ihm und es macht mich glücklich zu wissen, dass wir als Eltern immer seine zwei Felsen in seiner Brandung sein werden.
Danke für deinen Beitrag Richard. Habt ihr weitere Gastbeiträge für uns? Dann gern her damit.

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2 Comments

  • Jutta Oels
    14. Juli 2020 at 10:07

    Superspannend; danke für diesen Beitrag. Gerade von Vätern, die bei Adoptiveltern aufgewachsen sind, gibt es nur so wenig Berichte. – Sehr wichtig auch die Erwähnung, wie sehr dir das Bonding in der ersten Lebenswoche fehlt. – Wenn man sich dann vorstellt, wie es Kindern geht, die monatelang auf ihre Eltern warten…. – Meine jüngste Adoptivtochter war fast 14 Monate, als sie zu mir kam, nachdem sie vorher auf 3 Pflegestellen war. Sie ist heute 27 und hat ihr Bindungstrauma bis heute nicht wirklich überwunden.

  • Richard
    15. Juli 2020 at 09:01

    Hallo Jutta, vielen lieben Dank für Deine Worte, das freut mich sehr! Ich bin überzeugt, grade nach meiner eigenen Erfahrung kurz nach Hugo’s Geburt, dass dies ein extrem wertvoller Moment ist, der gleich zu Beginn eines Lebens sehr viel beeinflusst.
    (Vllt. hast Du Lust, Deinen Kommentar auch unter den Artikel im Blog zu platzieren?) LG, Richard.

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