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Wochenberliner

Ich habe da diese Tasche voller Geschichten und Gefühle…#Wochenberliner

Ich habe da diese Tasche voller Geschichten..

Meine volle Tasche

Ich habe da diese Tasche, in altrosa, sie nutze ich jeden Tag. Ich verschließe sie mit zwei Metallknöpfen und stopfe sie an vielen Tagen so voll, dass sie schwer ist – so schwer! In ihr transportiere ich meine täglichen Medikamente. Ich brauche sie, damit ich jeden Tag überlebe, in einer Box die von Mo-So beschriftet ist.

Mein Portemonnaie ist darin und obwohl es schon an einigen Stellen gerissen ist, wurde es immer wieder repariert und wird weiter genutzt. In kleinen Fächern habe ich ein bisschen Konfetti von unserer Trauung vor 17 Jahren und einen Glückskekszettel, auf dem „Ein frohes Herz ist gute Medizin“ steht.

Ich trage all diese Kleinigkeiten meiner Geschichte jeden Tag mit mir herum, so bin ich. Ich bin sentimental und Mutter. Ich habe immer etwas für die Kinder dabei, ausgerüstet für alle Eventualitäten. Ich mag es, dass die Farbe meiner Tasche auffällt, so wie ich es mag aufzufallen. Meine Liebe für altrosa wurde durch diese Tasche gefestigt.

Manchmal finde ich Dinge in all den Ritzen, die ich gar nicht erwarte! Neulich ein Pflaster, dass ich einer älteren Dame im Supermarkt auf ihren blutenden Finger tun konnte, oder Muscheln vom letzten Besuch am Meer, die ich fühlen kann, wenn ich nur tief genug grabe.

Und dann stehe ich da, an einer Straßenkreuzung und denke ich an diesen schönen Tag und fühle es: Ich bin noch da, nach all dem Mist im hier und jetzt. Ich trage meine schwere Tasche jeden Tag, mit all ihren Beulen und unorganisierten Kleinigkeiten, denn das bin ich.

Wie ich lernte allein Auto zu fahren, ganz allein als Mutter

Wie ich das erste Mal Auto fuhr

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich zum ersten Mal ganz allein Auto gefahren bin. Obwohl ich bereits seit einigen Jahren den Führerschein hatte, war ich bis zu diesem ganz normalen Wochentag nicht allein gefahren. Wir hatten kein Auto, also gab es wenig Gelegenheiten und wenn dann saß eigentlich immer jemand neben mir, falls ich doch mal ans Steuer sollte. Mit drei Kindern kauften wir dann doch ein Auto, ein altes gebrauchtes.

Einen roten Flitzer, mit Sonnenschutzfiltern. Aber an diesem ganz normalen Wochentag, da gab es keine andere Möglichkeit und so setzte ich mich hinter das Steuer und stellte meinen Sitz ein. Ich schwitzte, rutschte mit meinem Po auf dem Stuhl hin und her und schaute ungefähr fünftausend Mal in alle Seitenspiegel. Erst dann fuhr ich zögerlich diese Strecke, um die Kinder nach und nach einzusammeln und zum Arzt zu bringen.

Mit jedem Kilometer und jedem Lied im Radio spürte ich etwas mehr Freiheit, etwas mehr von dem, was sich nach Unabhängigkeit anfühlt. Gerade, wenn man drei Kinder hat, dann spürt man das Losgelöst sein eher selten.

Man ist ständig eingebunden, fühlt sich eingeengt und überhaupt ist das Leben selten frei. Und dann saß ich da in diesem, unserem, Auto und begann irgendwann laut zu singen „ 1,2,3 4“ von Feist.

Ich drehte das Radio lauter und musste grinsen. So als wäre ich 19 Jahre alt, hätte keine Sorgen und keine Verpflichtungen. So als wären da nicht drei Kinder auf diesem Rücksitz und so viele rote Ampeln, die zwischen mir und einer langen Auszeit am Meer blinken.

Was ich sehe wenn ich spazieren gehe, eine Blüte, ein Himmel, ein Baum

Ein Baum, eine Blüte, ein Himmel

Jeden Tag gehe ich die gleiche Runde. Seit Juni 2022 laufe ich bewusst immer die gleichen Wege. Ich fühle mich sicher auf dieser Route, nicke nach links und rechts in die verschiedenen Kleingärten. Ich gehe, um zu gehen. Meine Füße tragen mich, durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Ich kenne jede Ecke und jedes Stück Trampelpfad. Ich habe die Bäume ihr Winterkleid wechseln sehen, die Sträucher austreiben und verblühen sehen, die Wolken verschiedene Bilder und Zeichen malen sehen.

Da ist dieser Baum, er wächst schief und knorrig am Feldrand. Ich grüße ihn jeden Tag. Ich nutze seine Blickrichtung und fühle mich verbunden. Manchmal bleibe ich stehen, nur ganz kurz.

Da sind diese Blutpflaumen Sträucher am Wegesrand, die Blüten wirken durchscheinend im Vormittagslicht und sind für mich der erste richtige Frühlingsbote.

Da ist der Himmel mit seinen Wolken, die mir Fantasietiere zeigen und sich verändern. Mal schneller und mal langsamer begleiten sie meine täglichen Wege.

Vor meiner Krebserkrankung konnte ich mich oft nicht auf Kleinigkeiten konzentrieren. Ich glaube meine Augen haben zwar gesehen, aber nicht wirklich genau hingeschaut. All das hat si Das hat sich geändert! All das hat sich im Juni 2022 verändert. Ich gehe, um zu gehen und schaue, um zu schauen! Ich begleite diesen Baum, diese Blüte und den Himmel auf meiner Runde jeden Tag und die Jahreszeiten belohnen mich dafür mit dem einem neuen Gefühl von einem achtsameren Leben.

Alu

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