Die Kitakrise ist hausgemacht. Wie es uns ErzieherInnen dabei geht.
Grossekoepfe.de | Ein Elternblog mit Ihrer und Seiner Sicht aus Berlin!
Elternleben Kindergartenkind

Die Kitakrise ist hausgemacht. Wie es uns ErzieherInnen dabei geht.

Überall wird über die Kitakrise geredet, aber wann genau werden denn die Erzieherinnen mal gehört? Bei uns schreibt heute anonym eine Erzieherin über ihre Arbeitssituation. Danke für deinen Beitrag.

Na vielen Dank auch. Die Kitakrise ist hausgemacht und echt!

Ich habe einen ziemlich genialen Job. Der hat schon was. Er ist herausfordernd, verlangt eine Menge an Hingabe und Lust am Lernen.

Ich arbeite mit Kindern. Ziemlich lange schon wenn man so will (zwei Hände voll, also fast zehn Jahre) . Ich wollte auch nie was anderes machen. Ehrlich nicht.

Ich hab mir damit etwas ausgesucht, was mit Spaß macht aber ähnlich wie meine Hobbys an sich belächelt wird.

Die Kitakrise_Berlin_grossekoepfe

Ob das noch hilft? Die Kitakrise in Berlin.

Als ich meine Ausbildung anfing, hatte ich gerade meinen Realschulabschluss in der Tasche. Ich war der letzte Jahrgang, der ohne Abitur die Ausbildung zur Erzieherin anfangen konnte. Alle nach mir mussten entweder erst einmal ein Fachabitur machen oder eben das allgemeine Abitur.

“Damals” sah die Sache etwas anders aus. Als ich mit der Ausbildung fertig war, fand ich wegen dem bösen Einstellungsstopp keine Kita, die mich noch aufnehmen konnte. Es war die Zeit der Umbrüche.

Heute könnte ich mich vor eine Kita stellen und leise flüstern, dass ich Erzieherin bin. Wahrscheinlich würde man mich mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag jagen.

Die Kitakrise_Berlin_grossekoepfe

Die Kitakrise ist echt.

Wo sind sie hin, die ErzieherInnen?

Wir suchen. Wir suchen, wie fast jede Kita. Die Bewerbungen sind rar, der Personalmangel groß. Wenn alle da sind, dann geht es. Wir können Pause machen, wir können in die Vorbereitung gehen. Die Dokumentation. Elterngespräche. Die Nachbereitung.

Aber das ist selten. Weiterbildungen, Urlaub, Krankheit, Schwangerschaft. Fehlt ein/e KollegIn, kann man auffangen. Fehlen zwei, geht es auch noch irgendwie. Ab drei wird es kritisch. Früh und Spätdienst müssen abgedeckt werden, Auszubildende (die voll in den Personalschlűssel zählen) sind an zwei Tagen in der Woche nicht da. Kommt es hart auf hart, fallen solche Sachen wie Urlaub, Krankheit und die Schultage der Azubis auf einen Tag oder länger, dann ist Sense.

Bildungsauftrag? Auf jedes Kind eingehen wie es das verdient? Alles sehen? Nein, das geht dann nicht. An solchen Tagen sind wir froh, wenn wir auf Toilette gehen können. An solchen Tagen sind wir um jedes Kind froh, welches zu Hause bleibt.

Wir haben einen Bildungsauftrag, den wir erfüllen müssen. Wir haben Eltern, die  erwarten, dass wir ihre Kinder liebevoll und zugewandt betreuen und begleiten und nicht wie in einem Möbellager aufbewahren. Kinder sind keine Gegenstände. Kinder wollen gesehen werden. Kinder wollen getröstet werden. Kinder wollen. Wir auch. Wir wollen all das auch für die Kinder.

Die Situation macht krank. Nicht metaphorisch. Richtig real. Sie macht ErzieherInnen krank und sie macht Kinder krank. Es ist ein Wunder, dass es keine Klausel im Arbeitsvertrag gibt, die vor Burnout warnt.

Wir sollen funktionieren. Kinder sollen funktionieren. Eltern funktionieren.

Man nutzt unsere soziale Ader aus. KollegInnen bleiben solange wie sie können, verschleppen Krankheiten damit die Kinder betreut werden können, machen Überstunden, vernachlässigen ihr Privatleben. Ein verdammter Teufelskreis. Denn dann fallen sie erst recht aus. Manchmal denke ich mir, dass ich in einem anderen Beruf wesentlich ruhiger arbeiten könnte. Weniger emotionaler Stress, weniger Verantwortung. Geld ist mir praktisch egal, mit dem was ich derzeit verdiene, kann ich leben und als Erzieherin wird man nicht reich.

Politische Fehlentscheidungen müssen wir ausbaden

Die politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre haben eine untragbare Situation geschaffen. Sie wird auch nicht besser. Das  “gute Kita Gesetz”? Das ich nicht lache. Ein Tropfen auf einen kaputten, bröseligen Stein.

Was meint ihr, wer die Wut der Eltern abbekommt?

Ich sitze an der Basis.. Und nein, es sind nicht “die da oben”. Wir sind es. Wir bekommen die Wut ab. Einerseits verständlich. Wir sind greifbarer, wir sind eben da. Andererseits ist es einfach nur unfair.

Denn wir reißen uns sprichwörtlich den Arsch auf, damit der Laden läuft.

Irgendwann explodiert die Situation.

Wir suchen KollegInnen. Menschen, die gerne mit Kindern arbeiten. Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Das Problem vor dem wir jetzt stehen, hatte schon vor Jahren als solches erkannt werden müssen. Die Zukunft der Kinder scheint wie ein ungeliebtes Stiefkind zu sein. Nur verschwindet es eben nicht, wenn man es lange genug ignoriert.

Eine Erzieherin Eurer Kinder.

Danke für deinen Beitrag. Auch wir Eltern haben einfach riesige Probleme eine Kita zu finden!

You Might Also Like...

5 Comments

  • Suomitany
    4. Oktober 2018 at 15:21

    Vielen Dank für den Artikel. Ich bin seit über 20 Jahren Erzieherin (hier in Bayern noch immer ohne Abitur). Ich bin immer noch im gleichen Kiga, obwohl ich dort krank wurde. Ich bekam nach Jahren, in denen ich ständig alleine war mit 25 2-6 jährigen, eine Erschöpfungsdepression. Ich war abgemagert und erschöpft und irgendwann musste ich zum Arzt. Ich wollte meine Gruppe nicht im Stich lassen……
    Den Kiga früher verlassen, wollte ich aber auch nicht. Ich hatte gute Arbeitszeiten und eine gute Eingruppierung
    Zwar pendle ich, aber trotz des mangels an Erzieherinnen, gibt’s keine unbefristeten Stellen und man wird hier mit +/-20% Prozent Verträgen gegeißelt und als Anfänger bezahlt!! Die Erfahrung will jeder haben, aber bezahlen will mich keiner dafür. In der freien Wirtschaft kann man mit Erfahrung höhere Gehälter aushandeln. Erzieherin sein ist nichts wert. Die bekommen beim Stellenwechsel Anfängergehalt. Ich liebe die Kinder, ich liebe die immer gute Zusammenarbeit mit den Eltern. Ich wünsche mir nicht zwingend mehr Gehalt. Aber ich wünsche mir kleinere Gruppen, damit ich besser auf die Kinder eingehen kann und leiser ist es dann auch 😉

  • Sandra
    4. Oktober 2018 at 16:18

    Ja! Ja und noch mals ja! Ich bin auch Erzieherin (allerdings seit der ersten Schwangerschaft zuhause). Ich fand meinen Job immer toll, er vereint sämtliche meiner Interessen und Kompetenzen. Ich hatte ein unglaublich gut und bunt qualifiziertes Team, was mich oftmals über die Anstrengung hinweg getröstet hat. Aber letztlich war die Ernüchterung nach der Ausbildung groß, dass wir eigentlich nur noch zufrieden sein konnten, dass wir die Kinder satt und sauber durch den Tag gebracht haben.
    Grundsätzlich finde ich den Bildungsauftrag und die dszugehörigen Dokumentationen ganz spannend und oftmals auch hilfreich, um sich bewusst einem einzelnen Kind zu widmen, aber es musste alles irgendwie in den normalen Gruppenalltag integriert werden.
    Denn das KiBiz sieht gerade mal das nötigste an Betreuungsschlüssel vor- der aber ja nur aufgeht, wenn alle Erzieher einsatzfähig sind. Aber die sind natürlich genauso von Krankheitswellen betroffen und haben Anspruch auf Urlaub und Weiterbildung, von berufsbedingten längerfristigen Krankheitsausfällen mal abgesehen.
    Es ist ein Knochenjob, der noch dazu unmotivierend schlecht bezahlt wird. Und schon im Elementarbereich zu sehen, welch wichtige Aufgabe wir für die Gesellschaft haben, die schlichtweg nicht gewürdigt und gefördert wird, macht mich unendlich wütend.
    Ich habe vorher in der Jugendhilfe gearbeiter und gesehen, wie Jugendwohngruppen nur so aus der Erde sprießen und mich immer gefragt, wie viele dieser staatlichen Kostenfaktoren man schon im Kleinkindalter hätte abmildern können.
    Mittlerweile habe ich meine unbefristete Stelle gekündigt. Die Bedingungen haben mich nicht gereizt, in Kauf zu nehmen, unsere familiären Bedürfnisse hinten an zu stellen. Da verdient sogar eine Putzfrau (ohne Ausbildung wohlgemerkt) mehr Geld, als ich Netto raus kriegen würde. Dann engagiere ich mich lieber ehrenamtlich in den Einrichtungen meiner Kinder.
    Vielen Dank für‘s öffentlich machen dieses wichtigen und dringlichen Themas!!

  • Alu und Konsti
    8. Oktober 2018 at 22:28

    Die Autorin hat sich sehr gefreut über deinen Kommnentar.

  • Alu und Konsti
    8. Oktober 2018 at 22:28

    Danke für deinen Kommentar. Die Autorin hat sich gefreut.

  • Vanessa
    16. Oktober 2018 at 20:44

    So viele wahre und ehrliche Gedanken, die mehr in die Öffentlichkeit gehören oder besser noch: erhört werden sollten. Danke!

    Ich bin mehr oder weniger vor zwei Jahren frisch aus der Ausbildung in den Kindergarten als Erzieherin gegangen – mit Freude, Engagement und Wissensdurst. Ich wusste vorher bereits, dass es ein Beruf ist, der nicht gut bezahlt wird, der Personalschlüssel bedenkenswert ist und mir nicht die bunte Arbeitswelt blüht. Und dennoch entschied ich mich dazu unserer Zukunft, unseren Kindern, wenigstens einen liebevollen Umgang mit- und untereinander, Freude an unserer Umwelt und an deren eigener Entwicklung, eine Unterstützerin zu sein. Für den Bildungsauftrag, den wir haben, bleibt wenig Zeit. Ich opferte meine private ‚Erholungszeit‘ nach einem 10-stündigen Arbeitstag meist noch Zuhause, um diesen ansatzweise erfüllen zu können. Denn dafür bleibt gar keine Zeit, wenn Kollegen ausfallen und ein Elternpaar unbedingt noch das hauseigene Spielzeugthema in der Kita ansprechen ‚muss‘. Oder auch die mangelnde Zusammenarbeit mit den Eltern und gefühlt 20 von 25 Eltern auf eine Rückmeldung des Elternbriefes ansprechen muss. Aber der Tag muss ‚gewuppt‘ werden.

    Der Frust sitzt tief. Bei den Eltern, den Kindern, die vertröstet werden, und bei uns. Es ist ein Teufelskreis. Der Beruf fordert in der jetzigen Zeit viele qualifizierte Fachkräfte (von denen ich leider zu wenig bisher kennengelernt habe). Das geht aber nur, wenn die Anforderungen runtergeschraubt werden – vor allem für die, die diesen Job wirklich machen möchten – unabhängig von deren Bildungsabschluss und Herkunft. Die Persönlichkeit und auch die Arbeitsbedingungen müssen stimmen. Der Personalschlüssel muss angepasst werden. In der täglichen ‚Lagebesprechung‘ möchte ich nicht mehr 2x die Woche hören oder sagen wollen: den Tag überleben wir auch noch!

    Die Kinder sind keine Objekte, die als Ganzes in die Kita gebracht werden und bei denen Erzieher nur noch darauf achten können, dass sie auch als Ganzes wieder abgeholt werden. Sie sind und brauchen viel mehr. Und erschöpfte Erzieher gehören definitiv nicht dazu. Die Politik muss endlich wach werden!

Leave a Reply