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Konflikte – #Kinderreha – Teil 7

Vor zwei Tagen wurde ich im Essensraum von einer anderen Frau aus der Rehagruppe lautstark angeschimpft. In einem barschen Tonfall wies sie mich darauf hin, dass ich es unterlasse solle ihrem Kind eine Frage* zu stellen. Sämtliche Kommunikation habe nur über sie zu laufen. Immer wieder hätte ich in den letzten Wochen mit ihrem Kind gesprochen, hinter ihrem Rücken. Unmöglich sei das und überhaupt sei ich eine schreckliche Frau und sie wisse ja, ich sei hier die Supermutti.BÄM. Dieser Wortschwall traf mich hart. Man muss wissen, ich war in diesem Moment sogar schlagfertig. Ich blieb ruhig, aber ich fühlte mich verletzt, aber warum?

Die Begegnung zeigte mir sehr klar, wie viele Konflikte sich auf einer Reha mit Kindern aufbauen können, auch das ist bei einer Kinderreha von Anfang an zu bedenken.

“Ja”, antwortete ich der Frau, “Ich bin eine Supermutti” (für mein Kind auf jeden Fall)  und während diese Frau mir unschöne Wörter an den Kopf war, mischten sich weitere Eltern ein und gaben der Frau zu bedenken, dass ihre sehr verschobene Wahrnehmung eventuell ein eigenes Therapieziel sein sollte.

Nach diesem Vorfall war ich wandern. Mit dem Sohn sprach ich offen darüber, dass mir ab jetzt untersagt sei zu einem Kind direkte Worte zu richten und bat ihn um eine Stunde Auszeit vom Dauerzusammensein. Der Sohn verstand und ging Karten spielen, ich wanderte durch den Wald.

Auf dem Weg stellte ich mir unter anderem folgende Fragen:

Wieso war diese Frau nur so wütend auf andere Menschen hier vor Ort geworden? Wieso hatte sich das Ventil genau bei mir geöffnet? Würde es eine Möglichkeit geben diesen Konflikt lösen? Wieso durfte man ihrem Kind keine direkten Fragen stellen?

Eine Lösung fiel mir zwar nicht beim Wandern ein, aber es kam der Gedanke auf, dass der Frau vielleicht die Hilfeangebote an ihr Kind und sie selbst zu viel geworden waren.  Ich meine das nicht überheblich oder arrogant, aber auf solch einer Kinderreha  mit einer kleinen Gruppe Menschen mit klaren Diagnosen gibt es sehr schnell  festgelegte Rollen.

Es gibt Frauen und Männer, die mit ihren Kindern auf eine Reha fahren und noch ganz am Anfang stehen. Sie haben sich vielleicht mit den Diagnosen und Behandlungsmethoden noch nicht detailliert beschäftigen können, vielleicht soll auch oftmals die Reha der Anfang sein.

Man trifft hier aber auch Eltern, die schon um einiges weiter sind. Die Kinder selbst kennen ihre Diagnosen und Besonderheiten vielleicht recht gut, vielleicht haben sie auch schon Behandlungen und Therapien hinter sich.

Dann gibt es da noch die Familien, die sich wirklich gut auskennen mit den hier vorgestellten Krankheitsbildern. Sie sind vielleicht nicht das erste Mal auf einer Kinderreha oder wollen nur ganz bestimmte Therapiemethoden ausprobieren. Sie wirken bereits wie Profis und haben vielleicht Kapazitäten an einigen Stellen frei.

All diese Konstellationen treffen nun aufeinander, immer dazwischen die Kinder mit ihren Diagnosen und Voraussetzungen. Einige sind laut und beweglich, die anderen leise und zurückgezogen.

Auch das Kind und ich gehören zu einer dieser Gruppen. Wir lernen jeden Tag dazu und versuchen uns einzulassen auf das was die Kinderreha bietet. Durch jahrelange Behandlungen und Diagnostiken kennen wir einige Bereiche schon recht gut, andere Bereiche sind uns fremd und das Kind und ich diskutieren in unserem 8 qm Raum am Abend über einige Therapieideen und Möglichkeiten. Wir sind offen gegenüber neuen Menschen und versuchen im Gespräch zu bleiben, auch miteinander.

Diese aufgebrachte Frau stand sie vielleicht noch am Anfang? Nach außen wirkte sie in den letzten Wochen verschlossen und schrie viel ihr Kind an. Ihre Herausforderungen waren anscheinend so viel mehr als das was ich sehen konnte. Vielleicht hatten wir andere Familien sie mit unseren Angeboten verletzt oder überfordert? Vielleicht war sie neidisch auf das gute Verhältnis, dass der Sohn und ich uns über die vielen Jahre mühsam aufgebaut hatten? Vielleicht kannte sie es nicht, dass sich Menschen direkt an ihr Kind mit den Einschränkungen wendeten, sondern immer nur sie selbst war das Sprachrohr gewesen? Vielleicht wollte sie auch nur ihre Ruhe mit ihrem eigenen Kind, auf dieser Reha?

Am Abend tauschte ich mich mit anderen Eltern aus. Einige hatten auch schon lautstarke Begegnungen mit ihr erlebt. Sie wurden bei einer direkten Frage angeblafft oder hatten gehört wie sie ihr Kind einsperrte und im Zimmer anschrie.  Auch diese Eltern hatten versucht freundlich zu bleiben, vor allem des Kindes wegen. Trotzdem saßen wir nun dort gemeinsam, getroffen, irritiert und ratlos. Am Ende des Tages wandte ich mich gestern in einem Zweiergespräch an den behandelnden Psychologen. Ich versuchte ihm neutral meine Situation zu schildern (so gut das geht wenn man vorher angeschrien wurde),  vielleicht würde sie dort ja einmal reden oder anders ihre Sorgen und Ängste artikulieren wollen? Ich wusste nun jedenfalls, dass es sich wahrscheinlich um nichts persönliches gehandelt hatte und konnte den Konflikt so für mich annehmen und an das Fachpersonal abgeben.

Für mich zeigt sich jedoch wieder ganz klar, eine Kinderreha ist kein Spaziergang. Es ist kein Urlaub. Es ist keine Erholung. Anders als auf einer Mutter-Kind-Kur geht es selten um die Bedürfnisse der Eltern, sondern immer wieder nur um das Kind. Es gibt so viele Wege mit den Herausforderungen des eigenen Kindes umzugehen und auch so viele Punkte im Prozess an denen man stehen kann. Ständig steht man mit Fachpersonal im Austausch zu seinem eigenen Kind. Man erfährt so viel über Diagnosen und Behandlungsmethoden, dass einem manchmal ganz schwindelig werden kann.

Natürlich gibt es auch hier so unterschiedliche Herangehensweisen an Erziehung und an das Wohl des eigenen Kindes. Eine Kinderreha verstärkt diese vielen Ansätze, sie zeigt sie uns wie unter einem Brennglas. Man kann in diesen Wochen der Reha über Medienerziehung, Essensgewohnheiten oder Sauberkeiten in Streit geraten. Man kann über Freiluft oder Stubenhockertum streiten. Man kann über Respekt und den Umgang der Kinder untereinander diskutieren. Man kann darüber rumblaffen wer immer den Kinoabend der Kinder vorbereitet. Man kann den Abwasch im Aufenthaltsraum als Anlass für Streit nehmen und so vieles mehr. Es ist ein bisschen so, als wäre man in einem Wald voller Bäume abgesetzt worden, aber ohne direkte Wanderkarte. All das (und viel mehr) muss man AUSHALTEN können, wenn man auf eine Reha mit seinem Kind fährt.

Eine solche Begegnung mit all ihren unterschiedlichen Menschen funktioniert eben auch immer wie ein ganz großer Spiegel und der funktioniert ja bekanntlich immer in zwei Richtungen, oder?

Alu

Konflikte auf einer Kinderreha

*die Frage die ich dem Kind stellte war übrigens ob ihr ein bestimmter Film zum Filmabend gefallen würde.

 

Wie viel wird bleiben #Kinderreha – Teil 5

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5 Comments

  • Flo
    17. Mai 2021 at 11:42

    Ich persönlich denke, dass die richtige Haltung in solchen “Zwangsgemeinschaften” (also in allen Situationen in denen man mit anderen Menschen zusammen ist, die man sich nicht ausgesucht hat) der Wahlspruch der Gadsden Flag ist: “Don´t tread on me!”.

    Für mich bedeutet es, dass ich mich grundsätzlich nicht in die Haltungen und Handlungen anderer Personen einmische, so lange sie mich nicht unmittelbar tangieren. Diese Einstellung hat für mich den Vorteil. dass ich mich dann auch nicht über Fragen wie Medienerziehung, Essensgewohnheiten, Sauberkeiten oder Stubenhockertum anderer Menschen streiten muss. Fremde Einmischung in meine eigenen Belange (außer natürlich von den auf der Reha anwesenden geschulten Therapeuten) würde ich allerdings auch nicht dulden.

    Ich sehe das so: In solchen Zwangs- oder Zweckgemeinschaften muss man nicht alle mögen und man muss auch nicht von allen gemocht werden.

    Letztlich kann ich aber (zumindest nach Deinem Text- dabei war ich ja nicht) schon ein Bisschen verstehen, dass die andere Frau wütend auf Dich war, So wie ich Dich verstehe hast Du wohl mehrfach “Hilfeangebote an ihr Kind und sie selbst” gemacht. Dies ist aber auf einer Reha nicht Deine Aufgabe, sondern die Aufgabe des geschulten Personals.

  • Ju
    17. Mai 2021 at 11:42

    Puh…. und auf der anderen Seite eine dicke Umarmung an dich. Ich finde es beeindruckend wie reflektierend du mit der Situation umgegangen bist. Du bist eine Supermutti und ein Supermensch.

  • Alu und Konsti
    19. Mai 2021 at 11:35

    Danke für den Kommentar. Hilfeangebote bezog sich in diesem Moment auf Angebote das Kind mitspielen zu lassen oder Essen mitzutragen, nicht im Sinne der Behandlung – das war wirklich nicht der Job von den anderen anwesenden Eltern, da hast Du absolut recht.

  • Marika
    20. Mai 2021 at 12:31

    Dein Text und die Kommentare lassen mich nachdenken über “Hilfe”. Hilfe anbieten, geben und annehmen. Was bedeutet das für den Helfenden und die Person, die Hilfe annimmt. Die, die sie annimmt muss akzeptieren, dass sie sie braucht/ will und dies geht mit einer gewissen Unvollkommenheit einher. Verrückt, es wird immer soviel davon gesprochen, dass eins hilfsbereit sein muss, aber was es für das eigene Selbstwertgefühl bedeutet, wie schwer es mitunter ist, zu erkennen hilfebedürftig zu sein und dann danach zu handeln und Hilfe anzunehmen…unterm Strich wird mir klar, wie feinfühlig und vorsichtig und auch wie ergebnisoffen Menschen beim Hilfe anbieten sein sollten.
    Die Frau ist irgendwie auch stark (vielleicht noch nicht so sozialverträglich und einer Entwicklung förderlich), dass sie ihrem Unmut Luft macht, Position bezieht und ja, ganz persönlich dich hat sie wohl nicht gemeint, wenn auch andere ähnliche Erlebnisse hatten.
    Danke sehr fürs Teilhaben an der Reha aus deiner Sicht und generell!
    Viele Grüße

  • Eine Mama
    21. Mai 2021 at 20:26

    Liebe Alu,

    Ich lese schon lange still mit. Ich dank dir sehr, wie offen du hier schreibst. Ich selber finde es so schön, dass du auch die anderen im Blick hast. Ich finde – egal wo wir sind – das macht unsere Gesellschaft schöner und da wo Augen und Ohren verschlossen werden wird es kalt und einsam, gerade wenn wir die Not sehen. So kann ich dir nur danke sagen. Ich denke für das Kind ist es schön gesehen zu werden. Schade, dass du dafür so beschimpft wurdest. Lass dich nicht entmutigen. Alles Gute noch für euch und das die Zeit seine Frucht trägt.

    Liebe Grüße eine Mama von vier Kids

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